Neuss: Theaterszenen im Rathaus

Neuss : Theaterszenen im Rathaus

Es gibt eine neue Ausstellung im Rathaus - mit den Arbeiten des RLT-Fotografen Björn Hickmann.

Vermutlich wird ihn kaum einer erkennen, wenn er heute die neue Ausstellung im Dezernentenflur des Rathauses abgeht und sich von der Auswahl der Szenen überraschen lässt, die ein wunderbares Bild von der Arbeit des Rheinischen Landestheaters spiegeln. Dabei hat Björn Hickmann diese Bilder gemacht, doch als Fotograf steht er eben hinter der Kamera und arbeitet im Dunkel des Zuschauerraums.

Mit Hickmanns Theaterfotografien, die die RLT-Inszenierungen seit Beginn der Intendanz von Bettina Jahnke festhalten, wird im Rathaus die alte Idee von wechselnden Ausstellungen wieder aufgegriffen. Insgesamt elf Mal wurde dort Kunst gezeigt - zuletzt von Josef Neuhaus fast schon in einer Dauerausstellung. "Die Arbeiten sind auch nicht etwa eingelagert worden", betonen Kulturdezernentin Christiane Zangs und Kulturamtsleiter Harald Müller, "sondern hängen zum Beispiel im Personalamt und in Büros von städtischen Mitarbeitern." Die Wiederbelebung der alten Idee ist eine Anregung von Bürgermeister Reiner Breuer. Allerdings sei derzeit noch nicht klar, wie es weitergeht, sagt Zangs: "Das müssen wir noch besprechen."

Der Auftakt jedenfalls spricht dafür, auch abseits der Neusser Ateliers nach Kunst zu schauen. Denn Hickmanns Fotoarbeiten sind zum einen Kunst und stellen zum zweiten ein städtisches Kulturinstitut in den Fokus. 15 Fotos, rund 80 mal 120 Zentimeter groß und hervorragend gedruckt, belegen eindrucksvoll die künstlerische Arbeit des Theaters wie auch des Fotografen.

Denn der arbeitet bei laufender Szene. "Die größte Herausforderung ist es, der Handlung immer ein bisschen voraus zu sein, um im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken", sagt Hickmann. Anfangs hat er deswegen auch zwei Hauptproben mitgemacht - eine zum Schauen, die zweite zum Fotografieren. Inzwischen kommt der 37-Jährige nur noch einmal nach Neuss und fotografiert gleich. Was auch mit Kostendecklung in einem öffentlich subventionierten Theater zu tun hat, wie der Dortmunder, der für die Agentur Stage Pictures auch noch an anderen Bühnen arbeitet, erzählt. Seine Ausbildung hat er noch als Werbe-Fotograf gemacht, zum Theater kam er durch einen Zufall über eine Freundin, die Hausfotografin am Dortmunder Theater war. "Da wurde jemand gesucht, der mal aushilft", erzählt er lachend. 2003 war das, als dann auch noch Stage Pictures ihn unter Vertrag nahm.

Zum ersten Mal aber erlebt er es, dass seine Arbeit außerhalb eines Theaterfoyers gezeigt wird: "Ich freue mich sehr darüber, dass auch andere Menschen die Fotos sehen", sagt er. Die Auswahl hat er aus Zeitgründen Bettina Jahnke und ihrem Team überlassen, wird also wirklich überrascht, wenn er heute sieht, was da im Rathausflur hängt.

Darunter sind auch Aufnahmen, die bislang noch nirgends zu sehen waren und vielleicht nur eine kleine Facette einer Inszenierung zeigen, aber einen Schauspieler in ein ungewohntes Licht rücken. Ulrike Knobloch in "Bella Ciao" zum Beispiel oder Sigrid Dispert in "Sophies Welt". Auch der spiegelverkehrte Blick auf "Werthers Leiden" mit Michael Großschädl im Theatercafé Diva eröffnet neue Sichtweisen.

Da tun sich nicht nur "Bühnenwelten" auf, wie der Titel der Ausstellung verspricht, sondern werden auch Erinnerungen wach. Theaterspielen ist eine flüchtige Kunst, aber Fotografen wie Björn Hickmann halten mit ihren Arbeiten Momente fest, die die Bilder im Kopf und Erinnerungen wachrufen. Genauso gut regen sie aber auch dazu, mal wieder ins Theater zu gehen. Auch wenn vieles, das die Ausstellung zeigt, schon abgespielt ist: Die Neugier bekommt reichlich Nahrung. Und die Lust am Spiel auch.

(hbm)
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