Neuss: Theaterprojekt zum neuen Testament

Neuss: Theaterprojekt zum neuen Testament

Die Alte Post bricht zu neuen Ufern auf und arbeitet einem Inklusionsprojekt mit. Der Abend "Vier Neue Testamente" wurde von vier Menschen mit Handicap konzipiert, die in vier verschiedenen Kreativbereichen zu Hause sind.

Die Alte Post dehnt und streckt sich. Sucht neue Wege, neue Künstler, neue Herausforderungen. Schauspiel, Tanz, Musik und bildende Kunst bleiben die Basis für eigene und fremde Projekte, aber als Kooperationspartner will das Kulturforum nicht länger "nur Raumgeber" sein, wie Hausleiter Hans Ennen-Köffers es sagt, sondern auch in der Organisation mitarbeiten. Erster Prüfstein wird eine Produktion sein, die die Alte Post zusammen mit der Opernwerkstatt am Rhein in Köln auf die Beine stellt und ein neues Feld für das Neusser Haus erschließt: das der Inklusion.

"Vier Neue Testamente" heißt das Stück, das am Samstag Premiere an der Neustraße hat und von vier Menschen inszeniert wird, von denen jeder nicht nur einen eigenen künstlerischen Zugang, sondern auch eine sehr persönliche Sichtweise hat. Die Welt von Sigrun Paschke besteht aus Tönen, Geräuschen und Stille. Sie hat sich eine Passage aus dem Johannes-Evangelium vorgenommen und daraus eine Szenenfolge erarbeitet, die im Dunkeln spielt. "Jesus und die Samariterin" hat sie ihr Stück betitelt. Paschke ist eine blinde Musikerin und Komponistin aus Berlin.

Nico Randel hat sich intensiv mit Kreuzigung und Auferstehung beschäftigt, ausgehend von der eigenen Emotion, die zwischen "schlechtem Gewissen und Dankbarkeit" schwankt, wie er sagt, und daraus ein Stück mit dem Titel "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes - Amen" gemacht. Nico Randel ist eigentlich Schauspieler und hat das Down-Syndrom.

Kathrin Lemler ist vom eigenen Ich ausgegangen, Lachen ist für sie eine Universalsprache. Sie stellt in ihrem Stück "Göttliche Wlan-Flat" vier Menschen in den Fokus, die vor kaum erfüllbaren Herausforderungen stehen. Gott schaut erst mal zu - und hilft ihnen dann, sich selbst zu helfen. Für Lemler steht Gott für die Energie, die sie nicht nur in sich selbst findet, sondern in jedem Menschen sieht. Bei ihr setzt sie unter anderem die Fähigkeit frei, Geschichten zu formulieren, die druckreif sind. Kathrin Lemler ist Autorin, kann sich nach einer Erkrankung im Kindesalter nur über Kopf- und Augenbewegungen verständigen, braucht einen Sprachcomputer für die Kommunikation.

Arno Wallraf hat sich mit den zehn Geboten beschäftigt, ist strategisch vorgegangen und hat in Vorproben mit den Darstellern ein Konzept und Textbuch entwickelt, das live vom Sound eines Musikers unterstützt wird. Licht, Musik und Schauspiel fügen sich in Wallrafs Interpretation "Irgend/et/was" zu einem Ganzen zusammen. Wallraf ist multimedialer Künstler und hat eine bipolare Störung.

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Jeder von ihnen wird von einer Dramaturgin unterstützt (Tracy Lord, Nadine Frensch, Katrin Mattila und Barbara Wegener) und von der Opernwerkstatt in Gestalt von Sascha von Donat sowie von der Alten Post mit den Dozentinnen Claudia Ehrentraut und Anke Jüngels, die die Bühnenbilder machen. Jeder der vier 20-Minüter hat sein eigenes Bühnenbild und auch seine eigenen Kostüme (Anastasia Liebe), nur die Schauspieler sind immer dieselben: Aslan Aslan, Klaus Beleczko, Arzu Coruh, Marie Dinger, Alexandra Lowygina, Michael Schäfer, Joel Urch und Slim Weidenfeld sind Profis.

Für Von Donat ist diese Produktion nicht die erste Zusammenarbeit mit Menschen, die zugleich ein Handicap haben und Künstler sind. "Mit Nico habe ich schon diverse Stücke gemacht, in denen er spielte", erzählt er. Der Kontakt zur Alten Post kam über Jüngels zustande, die mit ihrer Anfrage bei Ennen-Köffers offene Türen einrannte: Projekte im Inklusionsbereich seien genau das, "womit ich mich für den Rest meiner beruflichen Tätigkeit beschäftigen möchte". Andere Felder der Alten Post - wie HipHop - seien ja schon gut bestellt.

Seit gut einer Woche ist das komplette Team in der Alten Post, probt vormittags und nachmittags, aber bisher weiß keiner der vier Regisseure, wie die Arbeit des anderen aussieht. Auch von den Darstellern haben sie nichts gehört, sagen die vier übereinstimmend. Außer: "Es ist überall ganz anders", wie Wallraf lachend das Ensemble zitiert. Zur erste Hauptprobe werden die "Vier neuen Testamente" nun zusammengeführt.

Rund 55.000 Euro kostet das gesamte Projekt nach Auskunft von Sascha von Donat. Finanziert wird es von der Kämpgen-Stiftung und der Aktion Mensch.

(hbm)