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Neuss: Theater und Kabarett in einem Stück vereint

Neuss : Theater und Kabarett in einem Stück vereint

Markus Andrae gelingt mit seinem Stück "Affären mit Schmidt" im Theater am Schlachthof die Gratwanderung zwischen den Genres.

Vorsicht! Der gemeinsame Besuch dieses Stücks birgt Risiken und könnte Nebenwirkungen für das Zusammenleben haben. Etwa derart, dass sich die anschließende Diskussion zu einem Grundsatzstreit entwickelt: "Wieso bin ich wie er? Umgekehrt ist es: Du bist wie sie!" Er – das ist Herr Schmidt, und sie – das ist Frau Schmidt. Das Paar steht im Zentrum der neuen Komödie, die Markus Andrae seinem Theater am Schlachthof (TaS) gewissermaßen auf die Bühnenbretter geschrieben hat. Der künstlerische Leiter des Hauses an der Blücherstraße hat es sich auf die Fahne geschrieben, Schauspiel und Kabarett im TaS inhaltlich stärker zu verzahnen und dafür "Affären mit Schmidt" erfunden.

Der Titel gibt nur bedingt wieder, was in dem Stück steckt. Eine verbale Schlacht unter Eheleuten, ein Intrigenspiel betrogener Frauen, eine Zurschaustellung lokalpolitischer Klüngelei, ein Haufen Anspielungen auf örtliche Be- (oder wahlweise auch Ab-)sonderheiten – Andrae nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, packt rein, was ihm unter die Augen und ins Ohr gekommen ist. Die Geschichte von zwei betrogenen Frauen, die sich an dem Mann rächen, indem sie ihn wirtschaftlich zugrunde richten, ist der Rahmen, um persönliche Macken und politische Klüngelei – Ähnlichkeiten sind natürlich rein zufällig – herrlich überspitzt zur Schau zu stellen. Was dabei herauskommt, sind zwei Stunden großes Vergnügen. Ein Schmankerl für die Freunde des TaS-Kabarettformats "Rathauskantine": Auch Stadtarchivar Sülheim, Controllerin Strack und Hausmeister Schwaderath sind – zumindest namentlich – dabei.

Markus Andrae ist dabei sein eigener Regisseur, setzt den Text unprätentiös und stringent um. Obwohl: Manches Beiwerk ist durchaus verzichtbar. Etwa der nur hörbare Auftritt der quäkenden Schmidt'schen Enkeltochter, der noch ins Spiel kommen musste, um auch einen Seitenhieb auf die unterfinanzierte öffentliche Kinderbetreuung unterzubringen. Da legt der Autor dann doch das Florett zu Seite und greift zur Axt, aber der Regisseur hätte es sehen müssen. Auch kann man sich wundern, dass es in dieser modernen Komödie noch das "Fräulein" gibt, oder anmerken, dass kleine Ungereimtheiten im Ablauf existieren – das alles mindert nicht das Vergnügen an dem flotten Stück aus gespieltem Kabarett und kabarettistischem Schauspiel.

Das liegt nicht zuletzt auch an dem Darstellerquartett. Fürs Schauspiel stehen Johann Wild als Herr Schmidt, der seinem lokalen Baulöwen einen trockenen Zynismus gibt, ihn aber nicht zum Unsympathen macht, und Lars Evers als Künstler Boris, der als Kevin Pascal in Neuss geboren wurde und zwischen Abgeklärtheit und Naivität schwankt.

Kabarettistisch aufgestellt und im Spiel etwas eindimensionaler sind dagegen Barbara Noeske als zickig-unbedarfte Frau Schmidt und Franziska Lehmann als durchtriebene Chefsekretärin Schmidts namens Melanie Wuttke. Und da jeder weiß, was er kann und lieber lassen sollte, funktionierte diese Menage à quatre bestens.

(NGZ)