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Neuss: Theater fürs Wohnzimmer

Neuss : Theater fürs Wohnzimmer

Im Clemens-Sels-Museum sind ab kommenden Sonntag Bühnen aus Papier zu bestaunen. "Schaulust und Spiellust", so der Titel, werden gleichermaßen beim Anblick der über 100 Papiertheater geweckt.

Erst mal sind sie einfach nur flach. Und bis sie stehen, den Zuschauer in ferne und fremde Welten führen, ist es ein mühevoller Weg. Da muss geschnitten, gemalt, geklebt werden, in kleinen Schritten und mit viel Geduld, bevor die Illusion eines Theaters mit Kulissen und schön kostümierten Figuren perfekt ist. Bretter sind bei den rund 100 Bühnen, die das Clemens-Sels-Museum in seiner neuen Ausstellung zeigt, höchstens aufgemalt, und dennoch bedeuteten auch sie einst die Welt.

Diese holten sich ganze Familien in Deutschland ab den 1820er Jahren mit einem Papiertheater ins Wohnzimmer, führten bekannte Dramen, Opern und Kinderstücke auf und setzten dabei an Technik ein, was ihnen zur Verfügung stand: die Laterna magica für kleine Projektionen, mechanische Kurbeln, um Wellenbewegungen zu zu imaginieren, oder Magnesium, um es zum Beispiel für die Szene in der Wolfsschlucht beim "Freischütz" so richtig krachen zu lassen. Was allerdings allzu oft auch dazu führte, dass das ganze Papiertheater in Flammen aufging ...

Geschichten wie diese weiß Christian Reuter zu Hauf zu erzählen. Er sammelt Papiertheater aus aller Welt seit den 1980er Jahren. Nachdem er in Wien die papiernen Bogen für die Kulissen zur "Zauberflöte" aus seiner Kindheit wiederentdeckte, gab er keine Ruhe, bis er auch das Proszenium – der fassadenähnliche Vorbau des Theaters – fand. Das war der Beginn einer Sammlung, die heute Papiertheater aus ganz Europa umfasst und die Ausstellung "Schaulust und Spiellust – Die kleine große Welt des Papiertheaters" im Clemens-Sels-Museum zum wahren Publikumsmagneten machen dürfte. Zumal da sie neben den fertig gebauten Theatern auch zahlreiche Bilderbogen präsentiert – auch aus der Sammlung Feld-Haus –, aus denen Aschenbrödel und Co. ausgeschnitten wurden.

Reuters erste Fundstücke ebenso wie alle anderen Exponate sind dabei nicht nur ein Augenschmaus, sondern dokumentieren auch ein Stück Theatergeschichte – sowohl mit Blick auf die Literatur, aber auch auch mit dem auf Architektur, Technik, Dekoration, Figuren. Und sie stehen für gesellschaftliche Veränderungen. In dem Maße, wie Pädagogik wichtig wurde und die Menschen sich ins Private zurückzogen, wurden "Papiertheater ein Element, das Familienleben zu gestalten", sagt Thomas Ludewig. Der stellvertretenden Leiter des Museums und Volkskundler hat die Schau stimmig und spannend kuratiert – nein, regelrecht inszeniert.

Schon das Entrée macht Spaß. Ein rund 100 Jahre altes Papiertheater mit der Kulisse von "Fidelio" wurde lebensgroß kopiert und kann vom Besucher als eigene Bühne bespielt oder eben nur als Durchgang genutzt werden, um dann von den ersten Papier-Guckkästen durch rote Vorhänge zu immer neuen Höhepunkten der papiernen Kunst zu gelangen.

Die letzte Inszenierung endet in der Jetztzeit. Dort zeigt der Neusser Künstler Armin Kaster seine "LebensBühnenBilder", die er aus Pappe schneidet. Szenen, denen er erst im Nachhinein eine Geschichte zuschreibt und die des Betrachters Fantasie freien Lauf lassen.

(NGZ)