Neuss: Theater, das Kinder verzaubert

Neuss : Theater, das Kinder verzaubert

Das Theater am Schlachthof testet neue Kinderstücke vor eingeladenen kleinen Gästen. Das ist auch bei "Merlin und der verflixte Zeitzauber" so.

Kinder sind ein unerbittliches Publikum. Sie johlen und klatschen, wenn es ihnen gefällt. Sie quatschen miteinander, rutschen auf dem Stuhl hin und her, wenn es sie langweilt. Sie sind mucksmäuschenstill oder kommentieren, was sie sehen, wenn das Stück sie packt. Der triumphierende Ausruf des Zweitklässlers, "Ich wusste es doch!", beim ersten Testlauf des neuen Stücks "Merlin und der verflixte Zeitzauber" vor den Schülern der "Brücke" im Barbaraviertel ("kleine Brücke", wie die Schule als Dependance der "Brücke" auf der Furth auch genannt wird) dürfte demnach Bestätigung sein: Wir haben alles richtig gemacht.

Regisseurin Sarah Binias und die Schauspieler Bertold Kastner (Merlin) Johanna Wagner (Lotte), Alin Ivan (Malte und andere) und Julia Jochmann (Hanna und andere) können der Premiere des Stücks am kommenden Sonntag im Theater am Schlachthof gelassen entgegen sehen. Denn mehr als 100 Kinder zwischen sechs und zehn Jahren haben sie schon jetzt begeistert.

Dabei war die Testvorführung noch mit besonderer Spannung aufgeladen. Ein wichtiger Mitspieler, der Uhu Schuhu, ist nämlich eine Handpuppe, der Technikerin Hedi Leonhardt ihre Stimme leiht. "Wir haben zwar schon eher mit Handpuppe und menschlicher Stimme gearbeitet", sagt Britta Fraken, die kaufmännische Geschäftsführerin des TaS, "aber es gefiel uns nicht, dass die Stimme aus einer Box hinter der Bühne kam, das war zu weit weg."

Nun also der Versuch, Stimme und Puppe näher zusammenzubringen, indem die Box in den Bauch des Uhus gepackt ist - was auf jeden Fall authentischer klingt und es sogar möglich erscheinen lässt, dass Schuhus Besitzer ein Bauchredner ist, wie es das Mädchen Lotte beim ersten Kontakt mit dem Zauberer aus dem Mittelalter vermutet. Denn auch da ist mit Kindern als Zuschauern nicht zu spaßen: Wenn ihnen etwas allzu konstruiert erscheint, nehmen sie es nicht an.

So kommen sie zwar schnell dahinter, dass Schuhu auch dann lebendig wirkt, wenn er alles vom Kleiderschrank in Lottes Zimmer beobachtet, weil dahinter jemand steckt, der die Handpuppe bewegt. Aber das macht nichts. Und gilt auch für die Handys, mit denen Hanna und Malte ihre Klassenkameradin Lotte ständig hochziehen - sie sind erkennbar so wenig echt wie das Radio und der Fernseher in Lottes Zimmer oder der Botanische Garten Neuss als Animation auf der Leinwand.

Echt sind aber die Menschen, die auf der Bühne stehen, und echte Menschen spielen, auch wenn sie mit überdeutlichen Gesten und extremer Mimik agieren. Doch Kinder fühlen den Subtext, spüren mehr als dass sie sehen, dass Hanna und Malte eigentlich ineinander verknallt sind. Es zeugt von Respekt, wenn die "Brücke"-Kinder eine Stunde lang aufmerksam verfolgen, was auf der Bühne geschieht. Und von ihrem Wohlwollen zeugt es, wenn sie die Musik mit rhythmischem Klatschen begleiten. Natürlich führt die Begegnung von Zauberer Merlin, der eigentlich im Jahr 854 lebt, und dem Mädchen von heute namens Lotte zu einem guten Ende. Pädagogisch wertvoll ist das auch, denn den jungen Zuschauern werden spielerisch und witzig Werte wie Freundschaft und Zuneigung nahe gebracht. Helga Bittner

(NGZ)
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