Neuss: Stärker mit Kultur werben

Neuss : Stärker mit Kultur werben

Der frühere NRW-Staatssekretär für Kultur und ehemalige Neusser Stadtdirektor Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff war Gast auf dem blauen NGZ-Sofa und sprach mit Ludger Baten über alte Zeiten und analysierte in gewohnt eloquenter Weise die aktuelle Situation.

Herr Grosse-Brockhoff, was machen Sie eigentlich, seit Sie nicht mehr der Landesregierung angehören?

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff Es geht mir blendend. Ich habe endlich das, was ich mir zeit meines Lebens immer gewünscht habe: die Möglichkeit, ein Sabbatjahr zu machen. Das ist zwar unfreiwillig gekommen, aber ich habe es angenommen als ein Schicksal, das seine guten Seiten hat. Ich genieße es bis auf den heutigen Tag.

Sie werden 62 Jahre alt, haben Sie mit dem Berufsleben abgeschlossen?

Grosse-Brockhoff Nein, da mag noch was kommen, aber es muss nicht sein. Außerdem habe ich genug zu tun. Ich halte Vorlesungen an der Uni, schreibe, mache Politikberatung in anderen Ländern — witzigerweise vor allem bei rot-grünen und rot-schwarzen Regierungen —, koordiniere für die CDU in NRW die Kulturpolitik, sitze in unendlich vielen Kuratorien und habe von morgens bis abends zu tun. Aber eines muss ich zugeben, und das genieße ich sehr: Ich habe keinen Stress mehr.

Sie sind studierter Jurist, waren in Neuss Verwaltungschef, gelten aber vor allem als Kulturpolitiker, obwohl Sie die Kultur nicht als einzige Sparte bearbeitet haben.

Grosse-Brockhoff Ich habe in der Kultur angefangen. Aber ich fühle mich bis heute als ein Generalist und finde, dass es ganz wichtig ist, eine Spezialität zu haben, in der man absolut firm ist und keiner einem etwas vormachen kann. Dann kann man auch Entscheidungen in ganz anderen Lebensbereichen treffen und verantworten.

Wie schafft man es, die Rahmenbedingungen für Kultur zu schaffen? Vor allem, wenn das Geld fehlt?

Grosse-Brockhoff Ich kann kein fertiges Konzept liefern. Aber es ist wichtig, dass wir in den 1980er Jahren in der Kultur gelernt haben, etwas anders mit dem Geld des Steuerzahlers umzugehen. Kultur kann man durchaus wirtschaftlicher machen, man kann effizienter arbeiten und auch mit weniger Verwaltungspersonal erheblich mehr an Kultur hervorbringen. Und was ganz wichtig ist: Man sollte viel mehr auf privates Engagement setzen und den Apparat kleinhalten. In Neuss hatte ich ein denkbar kleines Kulturamt, in Düsseldorf sogar das kleinste aller deutschen Großstädte und auch in der Landesregierung hatten wir die vermutlich kleinste Kulturabteilung aller Landesregierungen.

Viele halten Kultur für Luxus.

Grosse-Brockhoff Das sehe ich völlig anders. Kultur ist der Humus, den wir für alles andere brauchen. Auf ihm wachsen die Werte, denn die Mehrheit der Bevölkerung lernt die Werte nicht mehr wie früher in der Kirche kennen. Wo sonst aber, wenn nicht über die Kultur, sollen Werte an die Menschen herangetragen werden?

Vieles, was Sie in Ihrer Neusser Zeit in der Kultur angeschoben haben, Globe, Tanzwochen, Alte Post und mehr, ist heute noch Standard.

Grosse-Brockhoff Darüber freue ich mich. Ich würde schon laut aufschreien, wenn etwas davon ernsthaft gefährdet wäre. Weil ich glaube, dass Neuss gar nicht hoch genug einschätzen kann, wie es mit dieser Nischenpflege einen Aufmerksamkeitswert als lebenswerte Stadt erreichen kann, von der Sensation Insel Hombroich einmal ganz abgesehen!

Das Clemens-Sels-Museum ist derzeit stark im Gespräch. Wie sehen Sie seine Zukunft?

Grosse-Brockhoff Ich würde viel mehr aus dem Museum machen. Nicht nur sanieren, sondern auch erweitern. Dafür gibt es einen wunderbaren Entwurf, und ich frage mich schon, warum diese Stadt nicht die Kraft hat, das Haus, das für mich eines der schönsten Museen der Welt ist, voranzubringen. Es hat eine fantastische Sammlung, aber man sollte ihm auch einen Ankaufsetat geben, um mit diesem Pfund zu wuchern. Dort wird zudem eine gute museumspädagogische Arbeit geleistet, aber ich glaube nicht, dass jeder Schüler in Neuss schon mal das Sels-Museum besucht hat. Das aber sollte auf jeden Fall das Ziel sein. Kulturelle Bildungspolitik ist auch vorbeugende Sozialpolitik. Da könnte dieses Haus noch mehr erreichen, aber dafür braucht es Personal und mehr Geld. Ich würde da kräftig in die Zukunft investieren.

Wo soll das Geld herkommen?

Grosse-Brockhoff Das ist eine Frage der Prioritäten. Ich habe es erlebt, dass selbst in extremen Sparphasen der Kulturetat erhöht wurde: in Neuss unter dem weitsichtigen Franz-Josef Schmitt um ca. 20, in Düsseldorf unter Erwin um ca. 50, beim Land unter Rüttgers um 100 Prozent. Das ist Zukunftspolitik und nicht ein Sahnehäubchen, das man oben drauflegt. Und wir müssen nach 65 Jahren wieder lernen, dass Kultur von engagierten Bürgern lebt. Früher haben Bürger Museen und Theater getragen und finanziert. Warum nicht auch heute?

Was würden Sie in Neuss anmahnen?

Grosse-Brockhoff Neuss sollte viel mehr mit seiner Kultur werben. Denn die ist so toll und reichhaltig, dass die Stadt auch ganz vordergründig mit seiner Kultur Stadt- und Ansiedlungswerbung betreiben kann. Also: Kulturinstitutionen und Stadt in einem Arbeitsgang bewerben — auch bei Adressaten, die mit der Kultur auf den ersten Blick nichts tun haben, also in Wirtschaftskreisen, der Immobilienbranche etc.

Helga Bittner fasste das Gespräch zusammen.

(NGZ)
Mehr von RP ONLINE