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Neuss: Stadtrundfahrt für Medizin

Neuss : Stadtrundfahrt für Medizin

Ein 72-Jähriger musste drei Apotheken, die Notdienst hatten, nacheinander ansteuern, bevor er das gewünschte Medikament in Händen hielt. Persönliches Pech? Über ein etabliertes Hilfesystem.

Es gibt Internet-Apotheken, "Pillentaxis", ausgedehnte Öffnungszeiten vor allem in den Einkaufs-Zentren — doch all das ist kein Ersatz für den Apotheken-Notdienst. Ein etabliertes System, das gleichwohl Lücken haben kann, wie ein 72-jähriger Neusser feststellen musste. Er unternahm an einem Sonntag eine regelrechte Stadtrundfahrt, bevor er an der dritten Notdienst-Apotheke das Gewünschte erhielt. Ein Einzelfall?

Welche Apotheke wann Notdienst hat, stehe lange im Voraus fest, erklärt Bettina Mecking, Justiziarin der Apotheker-Kammer Nordrhein. Und einmal veröffentlicht, ist der jeweils ein Jahr gültige Einsatzplan auch verbindlich. "Untereinander zu tauschen, ist kaum möglich", sagt sie. Sollte das doch nötig sein, sind alle Apotheken im Notdienstbezirk rechtzeitig darüber zu informieren. Sie müssen dann den Aushang ändern, der auf die Dienst habenden Kollegen verweist. Zu diesem Aushang sind sie verpflichtet — und er wird auch vom Kreisgesundheitsamt überwacht. Für einen falschen Aushang, so Mecking, werde ein Bußgeld verhängt.

Der Neusser Pensionär war in seiner Wohnung gestürzt, von einem Nachbarn ins Krankenhaus gebracht und dort behandelt worden. Gebrochen war nichts, aber stark geprellt. Deswegen wurden zwei Schmerzmittel verschrieben — und die Suche begann. Eine Apotheke am Bahnhof hatte geöffnet, führte aber keines der Medikamente, eine (angeblich) geöffnete Apotheke in Reuschenberg war zu, erst in Holzheim wurde der 72-Jährige fündig. "Bedient" war er schon vorher: "Da ich mit 72 noch ein junger Hüpfer bin, steckte ich diesen Wahnsinn locker weg", sagte er ironisch.

Dass drei Apotheken parallel Dienst haben, kommt vor, ist aber nicht die Regel. Üblicherweise, so erklärt der Kreis-Vertrauensapotheker Wilhelm Junior, versehen im Bezirk Neuss/Kaarst zwei Apotheken den Notdienst. Meist eine im Norden und eine im Süden gelegen. Zwischen diesen liegen im Mittel elf Kilometer. Bis zu 15 sind zumutbar, entschied das Bundesverwaltungsgericht, merkt Mecking an.

Ist in einer Apotheke das Gesuchte nicht verfügbar, so rät Junior, sollte man erst telefonisch klären lassen, wo in der Nachbarschaft das Medikament vorrätig ist. Manchmal bestehe die Möglichkeit, auch am Wochenende etwas zu bestellen und noch am gleichen Tag zu erhalten. Wer nicht selbst zur Apotheke kann, kann auch jemanden mit dem Abholen beauftragen, zum Beispiel ein Taxi. Der Apotheker selbst fällt als Lieferant aus, weil er sein Geschäft nicht verlassen darf. Und einen Fahrer vorzuhalten, rechnet sich nicht — trotz 2,50 Euro Notdienstgebühr pro Patient.

(NGZ)