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Stadtelternrat in Neuss: "Corona zeigt, woran die Schulpolitik krankt"

Stadtelternrat in Neuss : „Corona zeigt, woran Schulpolitik krankt“

Dirk Jansen, Vorsitzender des Stadtelternrats, spricht über das Konzept zum Schulbeginn und Lehren für die Zukunft. Sein Eindruck: Die Sommerferien wurden in Düsseldorf komplett verschlafen.

Herr Jansen, Schulministerin Yvonne Gebauer hat die Pläne der Landesregierung für den Start des neuen Schuljahres vorgestellt. Wie sieht der Stadtelternrat die Pläne?

Dirk Jansen ist Vorsitzender des Stadtelternrats in Neuss. Foto: Georg Salzburg (salz)

Dirk Jansen Wir haben den Eindruck, dass in Düsseldorf die Sommerferien komplett verschlafen wurden statt sie für die Erstellung eines tragfähigen Konzepts für den Start des neuen Schuljahres unter Corona-Bedingungen zu nutzen. Offenbar geht es der Ministerin in erster Linie darum, die Verantwortung auf die Schulen, Schulträger und Verwaltungen vor Ort abzuschieben. Die Maskenpflicht auch im Unterricht ab Klasse 5 halte ich für kaum praxistauglich, wenn ich mir vorstelle, dass die Schüler dann sechs Stunden und länger mit Maske hochkonzentriert arbeiten sollen. Das funktioniert doch nicht! Mit dem Landeselternrat sammeln wir jetzt Unterschriften, damit dieser Unsinn nicht tatsächlich umgesetzt wird.

Die Ministerin begründet die Regelung als Maßnahme für den Gesundheitsschutz angesichts der steigenden Infektionszahlen.

Jansen Der Schutz der Gesundheit von Lehrern, Eltern und allen, die am Schulleben beteiligt sind, muss natürlich an erster Stelle stehen. Aber man hätte die Sommerferien nutzen können, um Konzepte zu entwickeln, wie die Abstandsregelungen im Unterricht eingehalten werden können. Man hätte auch über Konzepte nachdenken können, ob sich Arbeitsplätze dort, wo es eng wird, durch Acrylglas – also einen Spuckschutz wie man ihn mittlerweile aus Geschäften kennt – trennen lassen. Unterm Strich hat die Corona-Pandemie wie eine Lupe all jene Bereiche offengelegt, an denen unsere Schulpolitik aber schon seit langem krankt.

Inwiefern?

Jansen Nehmen wir die Klassengröße als Beispiel. Wir haben an den weiterführenden Schulen in der Regel Klassen und Kurse mit einer Stärke ab 25 Schülern aufwärts. Hätten wir kleinere Klassen und Kurse, sagen wir einfach mal 15 Schüler, dann ließen sich jetzt nicht nur die Abstandsregeln viel besser einhalten. Wir würden auch besser in der nächsten Pisa-Studie abschneiden, weil sich die Lehrer besser um die einzelnen Schüler kümmern und deren Talente besser fördern könnten. Unterm Strich hätten wir eine intensivere Beschulung. Langfristig wäre das eine Investition, die sich auszahlt. Und auch im Bereich Digitalisierung hat die Corona-Pandemie schonungslos die Versäumnisse der Vergangenheit offengelegt. Da vermisse ich auch ein entschiedeneres Gegensteuern.

Was muss Ihres Erachtens getan werden?

Jansen Von echter Digitalisierung in den Schulen sind wir meilenweit entfernt. Es reicht ja nicht, digitale Endgeräte anzuschaffen, um Lehrer und Schüler damit auszustatten. Das ist lediglich ein notwendiger, erster Schritt. Aber wenn wir als Stadtelternrat von Eltern erfahren, dass Digitalisierung für manche Lehrer bedeutet, Seiten aus Büchern einzuscannen und dann per Mail zu verschicken, dann ist das erschreckend. Lehrer müssen durch Aus- und Fortbildung besser darauf vorbereitet werden, auch digitalen Unterricht anzubieten. Da geht es nicht nur um die Nutzung von entsprechenden Programmen und Angeboten, ganz gleich, ob die jetzt Zoom oder Big Blue Button heißen. Es muss darum gehen, vernünftige Lernangebote zu bieten, und zwar möglichst flächendeckend. Wir brauchen sie nicht nur als Ersatz für Präsenzunterricht, sondern auch als Ergänzung. Da gibt es wahnsinnig viel Nachholbedarf.

Wurde nicht genug aus der ersten Corona-Welle gelernt?

Jansen Gelernt vielleicht schon, aber es wurde bislang zu wenig getan, um für erneute Schulschließungen gewappnet zu sein. Man muss doch angesichts der Tatsache, dass es bislang keinen Impfstoff und kein Medikament gegen Corona gibt, davon ausgehen, dass es dort, wo viele Menschen zusammen kommen, auch zu Infektionsgeschehen kommt – also auch in Schulen. Von daher muss man damit rechnen, dass es zu Schließungen kommen kann. Und selbst, wenn keine ganze Schule betroffen ist: Denkbar ist auch, dass ganze Klassen oder Jahrgänge in Quarantäne müssen. Dann muss es stabile Alternativen geben, um den ausfallenden Präsenzunterricht auch Eins-zu-Eins zu ersetzen.