Stadt Neuss spart mit „Armenbegräbnis“ Geld

Stadt Neuss spart mit „Armenbegräbnis“ Geld : Für Arme nur noch ein Urnengrab

Die Stadt will alle Neusser, die ohne auffindbare Angehörige sterben, einäschern und in einem Urnengrab beisetzen. Damit könnte sie 90.000 Euro jährlich sparen. Doch die Politik will dieser Umstellung (noch) nicht zustimmen.

Die Stadtverwaltung hat viel Papier bedruckt, doch die Politik auch damit nicht überzeugt. Ihre Absicht, grundsätzlich jeden, der ohne auffind- und erreichbare Angehörige verstirbt, mit einer Feuerbestattung beizusetzen, ist von den Stadtverordneten auch im zweiten Anlauf zunächst abgewehrt worden.

Namentlich die CDU sperrt sich gegen Einäscherung und Urnengrab und argumentiert auch ethisch. Beisetzungen seien kein Verwaltungsakt, sondern müssten auch bei ordnungsbehördlichen Bestattungen immer der Würde des Menschen entsprechen, sagt die Fraktionsvorsitzende Helga Koenemann. Sie wirft dem Bürgermeister Rohheit vor: Er zeige durch sein unsensibles Vorgehen „gerade den Schwächsten der Gesellschaft die kalte Schulter.“

Wie heikel das Thema ist, zeigt schon die Tatsache, dass sich Stadt und CDU noch bevor die Absicht politisch diskutiert werden konnte, mit Stellungnahmen überzogen. Die Stadt ist dabei erkennbar um Nüchternheit der Fakten bemüht. Auch in Neuss habe erstmals 2015 die Zahl der Feuer- über der der Erdbestattungen gelegen. Und gerade in Neuss würde man an dem Prinzip festhalten: Existiert ein anderweitiger Wille des Verstorbenen oder gehört er einer Religionsgemeinschaft an, die eine andere Bestattungsform vorsieht, bleibe es bei der Praxis: Sarg, schlichtes Reihengrab, Holzkreuz – und keinesfalls anonym.

Dass es auch um Geld geht, bestreitet Ordnungsdezernent Holger Lachmann, nimmt das aber indirekt zurück. Sollten nach der Beisetzung doch noch Angehörige des Toten ermittelt werden, könnten diesen – laut neuester Rechtssprechung – nur die Kosten einer Feuerbestattung in Rechnung gestellt werden. Verdacht erregt ferner, dass die Umstellung auf Feuerbestattung schon einmal im Rahmen der Haushaltskonsolidierung ins Gespräch gebracht worden war – und auch jetzt wieder von 90.000 Euro Einsparung die Rede ist.

Bevor es zu einer Entscheidung kommt, sollen jetzt die Kirchen gehört werden. „Aus evangelischer Sicht spricht nichts gegen eine Einäscherung“, sagt Pfarrer Sebastian Appelfeller von der Kreuzkirche. Er wäre aber aus theologischer Sicht für die klassische Erdbestattung. Einmal, weil diese in der Trauerphase stattfindet und nicht erst Tage oder Wochen später, weil man auf einen Termin im Krematorium warten muss. Hinzu kommt das symbolische Tun, die Grablege. Dass die Gräber – weil sich keine Angehörigen um sie kümmern – schnell ungepflegt aussähen, nennt er traurig. Aber das sei ein anderes Thema.

Das Ordnungsamt veranlasst die Beisetzung eines Toten, wenn keine Angehörigen bekannt sind. Daneben gibt es noch Beerdigungen, zu denen das Sozialamt einen Zuschuss beisteuert. In diesen Fällen gibt es noch Angehörige, die einen Wunsch zur Beisetzungsform artikulieren können. Doch immer häufiger würden sich die Fallgruppen überschneiden. „Deswegen haben wir immer mehr Ordnungsamtsbeerdigungen“, sagt Appelfeller.

Das geschieht zum Festpreis, berichtet Wilfried Odendahl, der sich als Sprecher der Bestatterinnung eine Neuverhandlung der zuletzt 2008 erhöhten Sozialamtszuschüsse wünscht. Positiv nennt er, dass Neuss nicht dem Beispiel Grevenbroichs folgt, dass die Toten in Rheinland-Pfalz zu „Dumpingpreisen“ einäschern lasse.

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