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Neuss: Stadt: Bildungspaket reicht nicht

Neuss : Stadt: Bildungspaket reicht nicht

Seit einem Jahr gibt es das Bildungs- und Teilhabepaket in Deutschland. Während Arbeitsministern Ursula von der Leyen (CDU) das Konzept lobt, bleibt die Stadt Neuss kritisch. Denn nicht jedes Kind profitiert von den Leistungen.

Mehrmals im Monat bekommt Florian Kock vom Sportverein TG Neuss Anfragen für so genannte Bildungsgutscheine. Eltern rufen an, fragen nach der Möglichkeit, ihr Kind über das Bildungs- und Teilhabepaket kostenfrei in Sportkurse zu schicken. "Das Interesse ist da", sagt Kock. "Nur die Umsetzung ist zu bürokratisch", meint der Sport- und Fitnesskaufmann. In der TG Neuss sind derzeit rund fünf Prozent der Kinder unter zehn Jahren über einen Bildungsgutschein Vereinsmitglied.

Eltern müssen sich bemühen

Die Bürokratie, sie beginnt für die Neusser Eltern schon damit, dass sie herausfinden müssen, wer ihr Ansprechpartner für eine Antragstellung ist: Für Empfänger von Wohngeld und Kindergeldzuschuss ist das Rathaus, für Hartz-IV-Empfänger das Jobcenter zuständig. Dann kommt der Antrag selbst, gerade für sozial schwache Familien "eine hohe bürokratische Hürde", sagt Sozialdezernent Stefan Hahn.

Die Erfolge, die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen dem Bildungspaket zuletzt bescheinigt hat, teilt Hahn daher nur bedingt: "Da für jedes einzelne Kind auch ein separater Antrag gestellt werden muss, heißt das im Umkehrschluss: Wo die Eltern sich nicht bemühen, bekommen die Kinder keine Förderung", so Hahn. Er begrüßt daher vor allem jene Leistungen aus dem Bildungspaket, die allen Kindern zugute kommen — in Neuss sind das die Schulsozialarbeiter, bei denen 16 neue Stellen im Rahmen des Bildungspakets hinzu kamen.

Einen Anspruch auf Leistungen haben in Neuss 8100 Kinder. Für 2500 von ihnen ist das Sozialamt zuständig, für die übrigen 5600 das Jobcenter. In dem einem Jahr, seitdem das Bildungspaket besteht, hat das Jobcenter 4350 Anträge gezählt, wie Jürgen-Steinmetz, Allgemeiner Vertreter des Landrats, mitteilt. Diese Zahl ist jedoch wenig aussagekräftig, da für jedes Kind mehrere Anträge möglich sind. So kommt die Neusser Stadtverwaltung auf 4800 Anträge, hat aber errechnet, dass die Zahl der Kinder, für die mindestens ein Antrag gestellt wurde, sich nur auf 1550 beläuft.

Bei 2000 anspruchsberechtigten Kindern sei dies dennoch eine positive Bilanz, sagt Dezernent Hahn. Allerdings entfällt der Großteil der Anträge, 850 an der Zahl, auf schulische Angebote, etwa die Mittagsverpflegung. "Dort helfen die Lehrer bei den Anträgen", sagt Hahn. Andere Zuschüsse, auf so genannte "Teilhabeleistungen", müssen die Eltern eigenständig einreichen.

Das heißt, den Antrag stellen, die Genehmigung abwarten, dann mit dem Bildungsgutschein zum Sportverein oder der Musikschule, sich den fälligen Betrag aufschreiben lassen, sich dann wieder beim Amt melden, damit das Geld ausgezahlt wird. "Das Eltern sich um Leistungen bemühen müssen, finde ich richtig", sagt Jürgen Steinmetz, der für das Jobcenter spricht. Es gelte das Motto "fordern und fördern". Sozialdezernent Hahn sieht das anders: Viele Eltern seien vor Behördengängen hilflos, sagt er. "Deswegen sehe ich das Konzept kritisch."

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(NGZ)