Neuss: Spuren der ersten evangelischen Christen

Neuss: Spuren der ersten evangelischen Christen

Das älteste steinerne Zeugnis einer evangelischen Gemeinde in Neuss ist in der Christuskirche zu finden, ein Grabstein. Die Grünanlage um die Kirche ist das Gelände des ersten evangelischen Friedhofs in der Stadt.

Man muss eine Runde um die Christuskirche zu Fuß zurücklegen, mit wachem Auge, um die Bedeutung des Areals für das protestantische Leben zu erahnen. Und am besten betritt man die Kirche gleich mit. Denn dort, im Eingangsbereich, steht der Grabstein von Agnes von Schleiden aus dem Jahr 1650. "Er ist das älteste steinerne Zeugnis einer evangelischen Gemeinde in Neuss", sagt Stadtarchivar Jens Metzdorf. Rund um die Kirche sind Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert in die heutige Grünanlage integriert. Es ist das Gelände des ersten evangelischen Friedhofs in Neuss. Schon alleine deshalb sorgen Überlegungen, statt in das marode Martin-Luther-Haus zu investieren, lieber auf dem Areal auf der Rückseite der Christuskirche ein Gemeindezentrum zu errichten, für reichlich Gesprächsstoff. Es ist ein sensibles Thema in der Christuskirchengemeinde, und man ist schnell bei der Geschichte und den Wurzeln des evangelischen Lebens in Neuss.

Die Historikerin Stefanie Fraedrich-Nowag hat sich damit auseinandergesetzt. Herausgekommen ist nicht nur die Ausstellung "Vom Umgang mit den Religionsverwandten", die das Stadtarchiv anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation erstellt hat, sondern auch ein spannender Beitrag, der im Januar im Neusser Jahrbuch Novaesium 2018 erscheinen wird. Zunächst erstickte die Gegenreformation alle reformatorischen Bemühungen in Neuss. Nach einem ersten Reformationsversuch und dem Truchsessischen Krieg wurden die protestantischen Einwohner immerhin geduldet - so einige alteingesessene gut situierte Familien.

Die Bevölkerung arrangierte sich, aller religiöser Spannungen zum Trotz, mit den Protestanten und überließ ihnen 1597 den ehemaligen Junkherrnfriedhof vor den damaligen Toren der Stadt. Das Areal lag bis ins 19. Jahrhundert außerhalb der Stadt - vor dem Hamtor. "Dort gab es zwei Mauern, zwei Gräben, einen Wall und eine unbedeutende Ausfallstraße nach Büttgen. Das Tor war meistens geschlossen", erklärt Metzdorf. "Im Vorgelände des Hamtores wurden schon im Spätmittelalter, genauer 1474/75, die auswärtigen Gefallenen des burgundischen Belagerungsheeres begraben." Nun war es eine evangelische Begräbnisstätte. Kurfürstliche Befehle zur Ausweisung der Protestanten wurden nicht umgesetzt. "1606 wurde auch eine eigne protestantische Begräbnisordnung erlassen", schreibt Fraedrich-Nowag. "Um Unruhe zu vermeiden, durfte der Leichenzug innerhalb der Stadt bis zum Stadttor jedoch nur zwölf Personen umfassen, außerhalb der Stadt und auf dem Friedhof waren nur sechs Personen erlaubt, Frauen und Kindern war die Teilnahme an der Beerdigung insgesamt untersagt, auch Gesang war zu unterlassen."

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Ab 1615 wurde die Gegenreformation jedoch immer spürbarer. 1619 mussten die Protestanten konvertieren oder die Stadt verlassen. 1630 gab es keine protestantische Gemeinde mehr in Neuss. Doch 1642, gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648), besetzten hessische Truppen die Stadt. Die Besatzungssoldaten, die bis 1651 blieben, brachten wieder protestantisches Leben in die Stadt. Agnes von Schleiden war die Gattin des hessischen Kommandanten de Cluyt. Sie starb im März 1650.

Nach der Hessen-Zeit erlag das protestantische Leben in Neuss wieder weitgehend. Mit Einführung der Religionsfreiheit in der Franzosenzeit entwickelte sich seit 1804 wieder verstärkt evangelisches Leben in der Stadt. "Treibende Kräfte waren vor allem die aus dem Bergischen stammenden Textilfabrikanten", erklärt Metzdorf. Der Gemeinde wurde 1806 die Marienbergkapelle zugewiesen, das war bereits in der Hessen-Zeit mit Blick auf die Besatzungssoldaten der Fall. Der alte Friedhof vor dem Hamtor wurde nun, nach 150 Jahren Pause, wieder genutzt. Es war eine überschaubare protestantische Gemeinde: Als Neuss 1815 an Preußen fiel, war die Stadt zu 95 Prozent katholisch.

Heute zählt die Christuskirchengemeinde laut Pfarrer Franz Dohmes rund 6600 Mitglieder. Der Förderverein Christuskirche setzt sich nicht nur für das Kirchengebäude ein, sondern kümmert sich auch um den Erhalt des alten Friedhofs. Für die evangelischen Christen hat der Kirchhof längst Denkmalcharakter, und als öffentliche Grünfläche ist das Areal ein Kleinod zur Erholung in der Innenstadt.

(abu)