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Neuss: Sprung vom Balkon nach Mordversuch

Neuss : Sprung vom Balkon nach Mordversuch

Ein 68-Jähriger Neusser soll am Freitagmorgen in Hückelhoven eine 61-Jährige mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt haben. Befragen kann ihn die Polizei dazu nicht, denn der Verdächtige sprang vor der Festnahme vom Balkon.

Irmgard Töller war um kurz vor 9 Uhr auf dem Weg zu ihrer Putzstelle, als Jürgen W. (68) aus seinem VW Polo kletterte. Dem Auto, mit dem er nach Überzeugung der Polizei nicht einmal eine Stunde zuvor an der Rheinstraße in Hückelhoven gesehen worden war, nachdem er eine 61-jährige Frau mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich verletzt hat. Davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach aus.

Befragen kann sie den 68-jährigen W. dazu nicht, denn nur Minuten, nachdem er seiner ehemaligen Hausmeisterin freundlich einen guten Morgen gewünscht hatte, lag er reglos im Schnee vor dem Hochhaus Hubertusweg 9. Dort hatte er sich vom Balkon seiner Wohnung im siebten Stock mehr als 20 Meter in die Tiefe gestürzt.

"Er muss direkt durchgegangen sein", sagt Irmgard Töller kopfschüttelnd, denn sie hatte an ihrer Arbeitsstelle auf der anderen Straßenseite kaum die Jacke ausgezogen, da wimmelte es auf dem Hubertusweg nur so von Polizei und Rettungswagen. Darunter waren auch Beamte in Zivil, die auf den Hinweis eines Zeugen in Hückelhoven zunächst einmal nur den Halter des Wagens überprüfen wollten, den ein Zeuge am Tatort beobachtet hatte. "Noch bevor die Beamten das Gebäude betraten, meldete ein Bewohner des Hauses, dass sich soeben ein Mann vom Balkon gestützt hatte", erklärte Karl-Heinz Frenken, der Sprecher der Kreispolizeibehörde Heinsberg, den Ablauf.

Nach gegenwärtigem Kenntnisstand hatte W. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wie der Polizeibericht betont, in einem schmucklosen Mehrfamilienhaus in Hückelhoven am Morgen das 61-jährige Opfer mit mehreren Messerstichen verletzt. Welche Beziehungen zwischen beiden bestand und welches Motiv Auslöser für diesen Tötungsversuch war — darüber konnte die Polizei gestern noch keine Angaben machen.

Der Notruf ging bei der Leitstelle des Rettungsdienstes in Heinsberg um 8.30 Uhr ein. Die lebensgefährlich verletzte Frau wurde nach notärztlicher Versorgung mit einem Rettungshubschrauber ins Klinikum nach Aachen geflogen. Um 9.03 Uhr ging auch bei der Leitstelle des Rhein-Kreises am Hammfelddamm ein Notruf ein, der den Einsatz am Hubertusweg auslöste. W., der "blutüberströmt" auf der Wiese unter seinem Balkon lag und reanimiert werden musste, wie Augenzeugin Jenny Marquardt von ihrem Balkon aus beobachtete, kam nach dieser notärztlichen Behandlung mit schwersten Verletzungen ins Neusser Lukaskrankenhaus. Dort aber blieb er nicht lange.

"Der Mann war zu keiner Zeit ansprechbar und hatte so schwere Gefäßverletzungen, dass wir ihn gleich in die Uniklinik Düsseldorf verlegt haben", erklärte ein Krankenhaussprecher. "Es ist zweifelhaft, ob der Mann überhaupt durchkommt", ergänzte er.

Nachbarn wie Renata Baczak und Danuta Terwingen aus dem Haus gegenüber zeigten sich fassungslos über die Tat. Sie kannten W. als Einzelgänger, freundlich und zurückhaltend. Ein schlanker Mann, dem man sein Alter nicht unbedingt ansah und der sich mit Jogging und Schwimmen in Form hielt. Ein ehemaliger Chauffeur, der zum Staunen vieler Nachbarn früher oft mit "ausgefallenen Autos" vorfuhr.

Viele in dem 42-Parteien-Haus aber verbanden mit seinem Namen kein Gesicht. Obwohl W. dort schon mehr als zehn Jahre in einem 44 Quadratmeter großen Appartement in der obersten Etage lebt. Irmgard Töller kannte ihn — und war die letzte, die ihn sah, bevor er sprang.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mann springt nach Messerattacke vom Balkon

(NGZ/jco/top/url)