Neuss: SPD sieht sich in Neusser Mitte

Neuss : SPD sieht sich in Neusser Mitte

Die Neusser SPD hat ihren Neujahrsempfang zum gesellschaftlichen Ereignis aufgewertet. Am Mittwoch werden 500 Gäste erwartet. SPD-Chef Benno Jakubassa sagt, warum dieser Termin ihm so viel bedeutet.

Herr Jakubassa, 2007 baten Sie und die Neusser SPD erstmals zum Neujahrsempfang. Seither eilen Jahr für Jahr über 500 Gäste herbei, wenn Sie rufen. Wie erklären Sie sich den für Sozialdemokraten ungewöhnlichen Erfolg in Neuss?

Benno Jakubassa Wir haben eine Lücke im gesellschaftlichen Angebot entdeckt und füllen sie seither konsequent aus. Es ist für uns eine große Freude, dass das sogar die CDU anerkennt und vor unserem wirkungsmächtigen Auftritt ausweicht und ihrerseits einen Sommerempfang kreiert hat.

Die CDU muss ja auch keinen Neujahrsempfang geben, da die SPD alle namhaften Christdemokraten einlädt und sie auch noch bewirtet. Übernehmen Sie nicht Arbeit und Kosten für die Neusser CDU?

Jakubassa Wenn Sie damit meinen, dass wir nicht vordergründig Parteipolitik mit unserem Neujahrsempfang betreiben, dann stimme ich Ihnen zu. Wir wollen — unabhängig vom Parteibuch — alle wichtigen Entscheider und Multiplikatoren aus der Stadt auf einer Veranstaltung der Neusser SPD versammelt sehen. Unser Neujahrsempfang soll verbindenden Charakter haben und ich würde ihn in Zukunft gern noch mehr als gesellschaftliches Ereignis profilieren. Das ist uns im Vorjahr in besonderer Weise gelungen. Präses Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der EKD, lockte über 650 Besucher an. Ich möchte öfter Persönlichkeiten als Ehrengäste gewinnen, die nicht das Parteibuch der SPD besitzen.

Welche Botschaft verbinden Sie mit diesem Konzept? Die Neusser SPD ist eine bürgerliche Kraft in Neuss?

Jakubassa Natürlich ist die SPD eine bürgerliche Partei. Was soll sie denn sonst sein? Ein Kampfklub? Mich ärgert, wenn allein CDU und FDP als bürgerliche Parteien bezeichnet werden.

Jetzt klingen Sie kämpferisch ...

Jakubassa Das ist für mich eine Frage der Ehre. Ich zitiere gern Willy Brandt. Der hat es als historische Leistung der Sozialdemokratie bezeichnet, aus rechtlosen Proletariern gleichberechtigte Bürger gemacht zu haben. Darum besitzt das Thema soziale Gerechtigkeit bei uns höchste Priorität. Weil große Teile der CDU diese soziale Gerechtigkeit vernachlässigen, entsteht in Deutschland eine neue Unterschicht. Aber mein Vorwurf trifft nicht alle in der Union. Ausnahmen sind hier der Fraktionschef im NRW-Landtag, Franz-Josef Laumann, oder der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm.

Bei so viel Bürgerlichkeit — wo sehen Sie denn noch Soll-Bruchstellen im Verhältnis zur Neusser CDU? Selbst die von Ihnen so geliebte Gesamtschule gibt's bald in Neuss dreifach.

Jakubassa Das ist doch eine reine Kopfgeburt von Bürgermeister Herbert Napp, der sich gegen den Mainstream in Partei und Fraktion durchgesetzt hat. Richtig ist aber, dass weite Teile der Neusser CDU die ehrliche Hinwendung zur Gesamtschule nicht vollzogen haben.

Das kann Ihnen doch egal sein. Sie haben ohne Kampf die dritte Gesamtschule bekommen und die vierte wird vermutlich bald folgen.

Jakubassa Ich ärgere mich trotzdem über den Egoismus bei vielen in der CDU und in der FDP. Viele Konservative halten doch nur am dreigliederigen Schulsystem fest, um ihren Kindern besser Zukunftschancen zu eröffnen. Sie wollen größere Konkurrenz ausschalten, in dem sie weiten gesellschaftlichen Kreisen den fairen, durchlässigen Weg in unserem Bildungssystem verweigern. Das ist mit uns nicht zu machen.

Die katholische Kirche wettert gegen Überlegungen der Stadt, das Jugendzentrum "Das Haus" mit dem städtischen Café Greyhound zu verschmelzen. Auf welcher Seite stehen Sie?

Jakubassa Das wirkungsvolle Zusammenspiel von öffentlicher Verwaltung und den freien Sozialverbänden schreibt in Neuss eine Erfolgsgeschichte. Das Haus wird vorbildlich geführt. Diese Jugendarbeit ist toll gemacht. Ich habe nichts gegen katholische Einrichtungen. Ich bin bekennender Katholik. Geistliche wie der baldige Berliner Kardinal Rainer Woelki, einst Kaplan an St. Marien, oder der ehemalige Direktor des Marianums, Msgr. Johannes Börsch, haben mich maßgeblich geprägt.

Seit dem Ausscheiden von Ernst-Horst Goldammer stellt die SPD keinen Beigeordneten mehr. Schmerzt das?

Jakubassa Mich schmerzt, dass die Neusser CDU ohne Not einen demokratischen Konsens verlassen hat. Zur Demokratie gehört, dass die Mehrheit auch die Opposition an der Verwaltung beteiligt. Dieser pflegliche Umgang mit dem politischen Mitbewerber gilt für SPD-geführte Städte im Ruhrgebiet, er gilt aber auch für die CDU-geführte Stadt Neuss.

Wo sehen Sie politische Talente in der Neusser SPD?

Jakubassa Mirza Kehonic ist stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos, Sarah Bührt, Michael Ziege und Jascha Huschauer unterstüzen ihn wirkungsvoll hier vor Ort. Meine Stellvertreter im Stadtverbandsvorstand Leif Lüpertz und Lina Abou Nabout sind kompetent und jung. Sascha Karbowiak leistet vorbildliche Wahlkreisarbeit ... und die Jungs sind alle Schützen. Sie sehen: Auch die neue Generation der Sozialdemokraten steht in der bürgerlichen Mitte von Neuss.

Ludger Baten führte das Gespräch

(NGZ)