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Neuss: So funktioniert Streetwork

Neuss : So funktioniert Streetwork

Rund 180 Klienten betreuen die vier Sozialarbeiter auf drei Vollzeitstellen im gesamten Stadtgebiet. Damit stoßen sie an ihre Grenzen, der Bedarf ist aber groß. Das Quartett hilft bei Liebeskummer, Papierkram und Drogensucht.

Herr M. ist 45, hat Schulden, gegen ihn läuft ein Insolvenzverfahren. Frau E. ist Anfang 20, sie hat Probleme mit ihrer Mutter. Frau Ö. ist Mitte 40, psychisch krank und hält ihren fast 80-jährigen Vater in der Wohnung "gefangen". Das sind einige der realen Fälle, die die Streetworker in Neuss zu lösen haben. "Es heißt ja immer, wir würden uns nur um Junkies und Obdachlose kümmern, aber das stimmt so nicht", sagt Ridvan Ucar, den alle nur "Richie" nennen, vom "Streetwork Erfttal", dessen Träger der Sozialdienst katholischer Männer (SkM) ist. "Wir machen mehrere Hausbesuche, gehen in Schulen, Ämter oder den Knast." Alles, um Menschen mit Problemen zu helfen. "Die wenigsten Leute haben nur ein Problem. Das ist meist ein Rattenschwanz, wo eines das andere nach sich zieht", sagt Jochen Baur von "Streetlife", dessen Träger das Diakonische Werk ist. "Wir wollen helfen, egal, was ist. Bei kleinen und großen Problemen, von Liebeskummer bis Drogensucht."

Die vier Streetworker, die sich drei Vollzeitstellen teilen müssen, betreuen derzeit rund 180 Menschen im Stadtgebiet. "Wir stoßen absolut an unsere Grenzen", sagt Baur. Denn in der gelebten Sozialarbeit ist die Beziehung zu den Klienten wichtig — das geht nur über ständige Kontaktpflege. Offiziell sollen die Streetworker zusammen 60 Stunden pro Woche arbeiten, doch es sind weit mehr. "Wir müssen kurzfristig helfen können. Es geht ja nicht, dass wir sagen: ,Kommen Sie in drei Wochen um 9 Uhr zu uns'. Wir können nicht sagen: ,So, ich hab' jetzt Feierabend.' Die Leute rufen uns von überall an und wir wollen sofort helfen. Wir können uns aber nicht aufteilen", erklärt Ucar. "Wir müssen sofort reagieren und flexibel sein", ergänzt Baur. "Das wird natürlich schwieriger mit weniger Personal. Wir müssen gucken, dass wir nicht selber zu einem kleinen Amt werden."

Denn dieses bildet in der Regel die größte Hürde für die Klienten der Streetworker, oft auch wegen Verständigungsproblemen: "Viele ältere Leute sind noch Analphabeten", berichtet Ucar. "Wir hatten einen, der hatte acht Monate keinen Strom. Das haben wir mit ihm geregelt. Wir nehmen die Leute an die Hand und gehen mit ihnen zu den Ämtern oder den Stadtwerken. Sonst packen die das nicht."

Es ist eine unmittelbare Hilfe, die die Streetworker seit zehn Jahren bieten, etliche Klienten haben durch sie wieder eine Wohnung bekommen, mehr als 50 haben sie in der Abendschule untergebracht. Die durchschnittliche Beratung steht mit 69 Stunden in der Statistik. Auch hier sind die Ausnahmen größer als die Regel. "Da war ein Mädchen, das von seinem Freund verprügelt und auf den Strich geschickt wurde", erinnert sich Streetworkerin Ellen Bente. "Wir haben sie da rausgeholt, aber nach ein paar Tagen war sie wieder da. Die Beratung hat länger gedauert — aber es gab ein gutes Ende."

(NGZ)