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Neuss: So europäisch ist die Quirinusstadt

Neuss : So europäisch ist die Quirinusstadt

2762 Kilometer nach Athen, 1823 nach Madrid, 527 Kilometer nach London, 1522 nach Rom, 530 nach Kopenhagen und nur 198 nach Brüssel: Im Herzen Europas liegt Neuss längst. Eingraviert sind diese Daten in die Europasteele auf dem Friedrich-Ebert-Platz. Rein optisch gesehen hat Neuss Europa auch im Herzen: Etwa 15 Mal im Jahr wird's in der Innenstadt europäisch.

Denn so oft schreibt die Beflaggungsordnung es vor, dass die Europafahne mit ihren zwölf goldenen fünfzackigen Sternen auf azurblauem Grund aus dem Dachgeschoss im Rathaus geholt und gehisst wird. Wie etwa vor gut zwei Wochen zum Jahrestag der Befreuung des KZ Auschwitz. Vor zwei Jahren veranlasste das Landesinnenministerium, dass zu staatstragenden Anlässen immer auch die Europaflagge zu hissen sei, um den europäischen Gedanken bei der Bürgern präsenter zu machen. Ein Ziel, das es auch im Jahr 2013 — dem Jahr vor der Europawahl — , das vom EU-Parlament ausgerufenen "Europäischen Jahr der Bürgerinnen und Bürger" noch nicht ganz erreicht ist.

Allein dem Namen nach lebt in den Gängen, Büros und Sälen der Europäischen Fachhochschule (EUFH) der europäische Gedanke. Am Standort Neuss (neben Brühl und Rostock) können die 300 Studenten neben Fremdsprachenunterricht auch eine Vorlesung "Europäische Wirtschaft" besuchen. "Die Gründer und die Mitarbeiter der EUFH sind überzeugte Europäer. Europa ist bei uns täglich Programm", sagt EUFH-Präsident Birger Lang. Das sieht man tatsächlich bei den Mitarbeitern. Etwa an Tanju Aygün, überzeugter Europäer: "Für mich heißt Europa die Freiheit, überall arbeiten und leben zu können, wo ich mich zu Hause fühle, und das ist Europa", sagt der 37 Jahre alte Studiendekan für Handelsmanagement am Neusser Campus. Die Freizügigkeit, also das Recht zu leben und zu arbeiten wo man möchte, ist auch eine der Errungenschaften der EU, die der Neusser CDU-Chef Jörg Geerlings als herausragend und für die meisten auch als sehr greifbar empfindet.

Ein Großteil der Gesetze auf nationaler Ebene gehen auf europäische Impulse zurück, in der Umweltpolitik 81,3 Prozent, im Bereich Inneres dagegen nur 12,9 Prozent, bei der Wirtschaft sind es 40 Prozent. Das betrifft auch Neuss ganz direkt. Zwischen 2007 und 2013 sind laut einer Anfrage aus dem NRW-Landtag etwa vier Millionen Euro an den Rhein-Kreis geflossen; 156 639 Euro davon nach Neuss. Neuss profitiert an vielen Ecken von der EU: etwa die zu 80 Prozent geförderte Aktion "Niederrheinrad" (2,707 Millionen Euro) und den in gleichem Maße geförderten "Mobilen Radreiseführer" (450 000 Euro). Als Zukuntsprojekte in Sachen Europa nennt FDP-Chef Reiner Reimann, Neuss weiter als Studentenstadt zu fördern. Die Sprecherin der Neusser Grünen, Susanne Benary-Höck, verweist auf andere Vorteile: "Neuss und der Neusser Hafen profitieren von der Export orientierten Wirtschaft und dem Euro als starke Währung. Viele internationale Firmen haben sich in Neuss niedergelassen." Auch die durch die EU mit geschaffene, ethnische Vielfalt sei eine Bereicherung. Die "ungezügelte Spekulation auf den Finanzmärkten" könnte ebenfalls nur gemeinsam eingedämmt werden.

Sonst taucht die EU meist nur als Bürokratiemonster auf, das die Staaten gängelt, wie es die überspitzten Episoden über die vorgeschriebene Krümmung von Gurken und Bananen nahelegen. Die hohen Beteiligungen Deutschlands an den EU-Rettungsschirmen sind aus Sicht des EU-Parlamentariers Karl-Heinz Florenz kritikwürdig. "Von daher bin ich auch nicht unbedingt für die Förderung kleiner Maßnahmen, sondern großer Bereiche, wie Klimaschutz, Energiepolitik und die Ausbildung unserer jungen Leute", sagt er, der sich als Niederrheiner, Deutscher und Europäer fühlt.

(NGZ/ac)