Neuss: Sie bringt Erwachsenen lesen und schreiben bei

Neuss : Sie bringt Erwachsenen lesen und schreiben bei

Gudrun Müller gibt seit mehr als 20 Jahren an der VHS Kurse für Analphabeten. Viele Betroffene verstecken die Schwäche mit Tricks.

Besuch im Restaurant: Unsicher blickt Lea auf die Speisekarte. Die Buchstaben verschwimmen vor ihren Augen. Ihr wird schwindlig, sie beginnt zu schwitzen. "Ich nehme die Spezialität des Hauses, Lasagne", sagt ihre Freundin. "Das nehm ich auch", sagt Lea erleichtert - so ähnlich hangeln sich Analphabeten täglich durchs Leben. Rund 7,5 Prozent der Deutschen können laut einer Studie der Uni Hamburg nicht richtig lesen und schreiben.

"Das kann einem Menschen das Leben versauen. Es kostet so viel Lebensqualität", sagt Gudrun Müller. Sie gibt seit mehr als 20 Jahren Alphabetiserungskurse für die Volkshochschule. Studiert hat sie Anglistik und Germanistik auf Lehramt. Bis die Betroffenen zu Müller in den Unterricht kommen, ist es häufig ein langer Weg. "Die Hemmschwelle sich anzumelden ist riesig. Die Angst vor einer Zurückweisung ist groß, zumal viele im Alltag gehänselt werden", sagt Müller. Meistens verstecken sie deshalb ihre Schwäche. "Es gibt Fälle, in denen wissen nicht einmal die Ehepartner davon. Die Tricks sind perfekt." So würden die Menschen häufig Situationen meiden, in denen sie lesen müssen. Falls das nicht geht, schieben viele eine Fehlsichtigkeit vor und sagen, sie hätten die Brille vergessen. Auch mit Verbänden an den Händen wird getrickst, um nicht schreiben zu müssen, berichtet Müller. Außerdem gäbe es verschieden ausgeprägte Formen von Analphabetismus. Manche Betroffene könnten durchaus einfache Texte verstehen.

Müller ist wichtig: "Die Menschen sind nicht dumm, sie sind sehr aufnahmebereit und lernfähig." Häufig seien sie jedoch traumatisiert und haben schlimme Erfahrungen gemacht. Eine junge Migrantin wurde beispielsweise in ihrem Deutschkurs gehänselt. "Es gibt Fälle, in denen Menschen mit Lese- und Schreibschwäche bewusst abgezockt wurden. Im Kurs versuchen wir da auch zu helfen."

Das Problem liege vor allem in den jungen Jahren und der Schulzeit. "Da entstehen Lerndefizite, die nicht rechtzeitig erkannt und aufgegriffen worden sind." In den Kursen von Gudrun Müller werden diese Defizite langsam abgebaut. Im Schnitt dauert es etwa zwei Jahre bis die Teilnehmer richtig lesen und schreiben können - dies variiert jedoch von Fall zu Fall. Geschafft hat es jeder, der regelmäßig zum Kurs kam. "Es ist schön, wenn die Teilnehmer nach Hause gehen und fünf Seiten geschrieben haben." Sie helfen sich gegenseitig im Kurs und sind alle konzentriert bei der Sache, beschreibt Müller das Konzept.

Doch zuerst muss dieser Schritt gewagt werden. Meist sind es große Veränderungen, die dazu führen, dass sich die Leute dafür entscheiden, Hilfe zu holen: eine Scheidung, die Technisierung am Arbeitsplatz oder dass die Kinder groß werden. Aber auch Krankheiten führen dazu, dass Leute wieder lesen und schreiben lernen müssen. Müller erzählt von einer Frau, die einen Schlaganfall erlitt. "Sie war auf der rechten Seite gelähmt und musste erst lernen, mit links zu schreiben. Es flossen viele Tränen, aber sie hat es geschafft."

(NGZ)
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