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Neuss: Shakespeares Vielfalt

Neuss : Shakespeares Vielfalt

Das 21. Shakespeare-Festival ist zu Ende. Vier Wochen lang gab es im Neusser Globe Theater, Musik und ebenso amüsante wie lehrreiche Einblicke in Shakespeares Werk. Eine Analyse.

Das Shakespeare-Festival hat die Erwartungen erfüllt: Mit einer Auslastung von 94 Prozent wurde das angestrebte Ziel erreicht. Mit 13 500 Zuschauern war gerechnet worden; knapp 14 000 sind es geworden. Und auch die Nachfrage nach den Workshops und sonstigen "Globe-Education"-Angeboten lässt keine Wünsche offen: 400 Schüler und 70 Lehrer sind nach Neuss gekommen, um den alternativen Unterricht zu Shakespeares Theater zu erleben.

Eine 12. Klasse hatte die Teilnahme sogar ohne Unterstützung eines Lehrers organisiert und war auch ohne eine solchen zum Workshop erschienen. Der einzige Wermutstropfen bei all diesen Erfolgsmeldungen: Nur zwei Neusser Schulen waren dabei. Alle anderen kamen aus Düsseldorf, Lippstadt, Marl, Bonn, Köln, Essen ... Auf das Engagement der Neusser Lehrer wirft es jedenfalls kein gutes Licht, wenn sie eine solche Perle vor der eigenen Haustür liegenlassen. Dass diese Chance, seinen Schülern mal auf eine ganz andere, nämlich praktische Art, neues Wissen und Erfahrungen zu vermitteln, nicht genutzt wird, ist kaum zu verstehen. Einfacher kann man es doch nicht haben.

Ein Weltendichter

Ansonsten gibt es bei der 21. Auflage des Shakespeare-Festivals kaum etwas zu meckern. Programmmacher Rainer Wiertz ist zwar recht mutig das Risiko eingegangen, von den zwölf Theateraufführungen (ohne Lectures und Konzert) gleich vier von "Hamlet" bestreiten zu lassen. Aber es hat sich gelohnt. Die vier Adaptionen haben mehr als deutlich gezeigt, dass der Elisabethaner ein Weltendichter ist, dessen große dramatische Stoffe problemlos jeden Zugriff vertragen, ohne Schaden zu nehmen.

Es ist einfach faszinierend, zu sehen, dass "Hamlet" mit zwei Schauspielern (Two Gents Productions) ebenso gut funktioniert wie seine Einbettung in ganz fremde Theatertraditionen (Yohangza Theatre Company).

Dagegen stehen dann die Arbeiten aus dem tatsächlichen und dem Adoptions-Mutterland: Der "Hamlet" der Globe Touring Company wurde auf solide Art und Weise dem Stück gerecht, während die bremer shakespeare company bewies, wie sehr die deutsche Bühnenkunst vom Regietheater geprägt ist. Was wer wie gut gemacht hat, mag Geschmacksache sein, aber künstlerisch betrachtet teilen sich die Two Gents und Yohangza im Ranking den ersten Platz.

Erstaunlicherweise stellt sich trotz der vier Hamlets auch kein Gefühl mangelnder Vielfalt im Programm ein. Das liegt unter anderem auch daran, dass mit Einladungen wie der an den Stockholmer "Romeo & Julia Kören" nicht nur ein neuer Teilnehmer entdeckt wurde, sondern auch ein neuer "Macbeth" — nämlich in einer wunderbaren Beziehung mit alter Chormusik. Ebenso überraschend wie überzeugend: "Troilus und Cressida" der Berliner Schauspielschule Ernst Busch — beide ebenfalls zum ersten Mal dabei und beide haben ein großartiges Empfehlungsschreiben abgegeben.

Was also bleibt vom Festival? Prägnante Bilder, überraschende An- und Einsichten und die Vorfreude aufs nächste Jahr. Mehr kann man einfach nicht erwarten.

(NGZ)