Neuss: Shakespeare nur geträumt

Neuss : Shakespeare nur geträumt

Durch das Geschrei der Möwen, das Rauschen des Meeres dringen immer wieder Melodiefetzen. Miranda sitzt im Sessel und schläft. Und träumt. Davon, eine Ballerina zu sein, die zu "Schwanensee" tanzt. Wie die Tänzerin, die neben ihr über eine griselige Mattscheibe flirrt und die sie doch nie sein wird. Denn Miranda kann nicht laufen, hat überhaupt große Probleme in der Motorik und in der Sprache. Miranda lebt einer eigenen Welt, ebenso wie ihr Vater. Was ihr das Tanzen, sind ihm die Bücher. Fluchtmöglichkeiten aus einer Realität, die ihnen auferzwungen ist.

Immer dann, wenn der Vater Shakespeares "Sturm" zur Hand nimmt, daraus liest und die Personen vorstellt, beginnt die Verwandlung. Und plötzlich stehen da der verbannte Prospero, der intrigante Caliban, der quirlige Luftgeist Ariel und eben Prosperos Tochter Miranda, der mit der Liebe zu Ferdinand die Welt offenzustehen scheint.

Ein Spiel zwischen Tag und Traum hat der litauische Regisseur und Intendant Oskaras Korsunovas mit zwei Darstellern seines Theaters OKT Vilnius einstudiert. Am "Sturm" angelehnt und dennoch etwas, das aus sich heraus entsteht, indem er Miranda in den Mittelpunkt stellt. Die einzige Frauenfigur in Shakespeares letztem Stück, die über Jahre als einzigen Mann nur ihren Vater Prospero kennt. Sie ist sein Geschöpf, mithin auch auch ein Produkt seiner Innenwelt, die von Büchern bestimmt ist. Also gibt es sie gar nicht wirklich? Das lässt Korsunovas offen. Prospero stirbt in Mirandas Sessel, und sie erscheint als Ballerina im gleißenden Licht und tanzt zu "Schwanensee".

Befremdlich, bewegend, irgendwie auch beängstigend rätselhaft ist die Inszenierung, die von den beiden hervorragenden Schauspielern Povilas Budrys (Prospero) und Airida Gintautaite getragen wird. Und nachhaltig ist sie, denn die Bilder wird man so schnell nicht los. Unter anderem auch, weil Dainius Liskevicius dafür einen Raum gebaut hat, der einer (Wohn-)Höhle gleicht, aus der es kein Entrinnen gibt.

Die grellen Blitze, wenn Ariel seinen Bericht über den Verbleib der vermeintlichen Besucher aus dem fernen Mailand keckert; die zornig-angstvollen Blicke, die Miranda ihrem Vater zuwirft, wenn er mit zittrigen Händen zur Flasche greift; seine zaghaften Versuche, mit dem Telefon einen Kontakt zur Welt herzustellen — die ganze Inszenierung atmet auf beklemmende Weise die Einsamkeit eines Menschen, der gar nicht allein sein will. Der dennoch verzweifelt versucht, seiner Herr zu bleiben. Und wenn er sich endlich traut, am Telefon eine Nummer zu wählen, ist die besetzt. Als der Rückruf kommt, ist es zu spät. Er ist tot.

(NGZ/url)