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Neuss: Shakespeare im Bankermilieu

Neuss : Shakespeare im Bankermilieu

Das wenig gespielte Stück "Wintermärchen" hat RLT-Intendantin Bettina Jahnke am eigenen Haus inszeniert. Mit frischen Ideen hat sie die etwas abstruse Geschichte geschickt aufpoliert.

So richtig kann das keiner verstehen. Eben noch streichelt Leontes zärtlich den Bauch seiner hochschwangeren Frau Hermione, tobt mit seinem erstgeborenen Sohn Mamilius und Polyxenes, dem eigenen besten Freund seit Kindertagen, durchs Zimmer. Und dann plötzlich: Leontes bildet sich ein, zwischen Hermione und Polyxenes liefe etwas, das Ungeborene sei gar von ihm. Niemand kann Leontes das ausreden, seine Wahnidee wird zum Bollwerk.

Weil Leontes nicht nur ein Ehemann ist, sondern auch König, geht nicht nur eine Ehe kaputt, sondern ein ganzes Reich. Polyxenes muss bei Nacht und Nebel in sein eigenes Reich Böhmen fliehen; Hermione kommt ins Gefängnis; das kleine Mädchen, das sie dort zur Welt bringt, lässt Leontes in einem fernen Land aussetzen. Wundert es da, dass erst Mamilius vor Kummer stirbt und dann auch Hermione? Zumal der Sohn die Demütigung der Mutter durch den Vater miterleben muss. Die Hände auf den Ohren, steht er mit dem Gesicht zur Wand in einer Ecke und kann sich doch nicht wegdenken.

Es ist einer der zahlreichen, wirksamen Akzente, mit denen RLT-Intendantin Bettina Jahnke Shakespeares "Wintermärchen" in ihrer Inszenierung eine eigene Richtung gibt. Die ohnehin leicht holprige Geschichte nimmt sie schlicht hin; lieber richtet sie den Fokus auf die Figuren, die ihr Ensemble in einem unbestimmten Heute differenziert und in ausgewogener Balance zwischen Menschlichkeit und Abstraktheit ausspielt.

Zwei Figuren als Katalysatoren

Dabei verändert Jahnke auch die Gewichtung, bekommen Figuren, die bei Shakespeare am Rand stehen, mehr Raum. Weil sie die Katalysatoren des Geschehens sind. Leontes Sohn Mamilius (Mos Dalichau), der zur Musik seines Brummkreisels auf dem Boden einschlummert, läutet die Geschichte sanft ein. Noch herrscht Friede und Freude – so wird es nie wieder sein, selbst wenn zum guten Märchenschluss Leontes die in Böhmen gefundene und aufgewachsene Tochter Perdita wiederfindet, Hermione gar nicht tot ist. Der Sohn aber wird nie wieder zurückkehren.

Ohne dessen Tod hätte Leontes womöglich gar nicht den Weg der Reue eingeschlagen. Und ohne das Kindermädchen Paulina hätte es kein Happy-End mit Hermione gegeben. Denn sie versteckt sie über Jahre, versetzt Leontes in den Glauben von ihrem Tod, um sie zu schützen. Wie sie zum Schluss die vermeintlich Tote als lebendige Frau präsentiert – das hat was von einem Showdown. Shakespeares Bild von der lebendig werdenden Statue Hermiones transportiert Jahnke in ein Video. Überhaupt überträgt sie einige Versatzstücke geschickt ins Moderne. Das Orakel von Delphi wird kurzerhand zum Vaterschaftstest erklärt; eine Anhörung Hermiones wird eingeklinkt, die wie in einem dieser unsäglichen Massen-TV-Talks von einem Moderator begleitet wird – nur ungleich zynischer; und das Schafschurfest im fröhlichen Böhmen gerät zu einer Gaga-Party – vielleicht auch ein bisschen zu gaga.

Schlicht, aber auf den Punkt: Bühnenbild und Kostüme von Dorit Lievenbrück. Im noblen Weiß erinnert das Sizilien des Leontes ans Bankermilieu; Böhmen in überbordender Buntheit ist der Gegenentwurf. Und die Schauspieler – ohne Ausnahme wunderbar. Allen voran Michael Putschli als Leontes mit der ganzen Bandbreite von Wahn über Reue bis zur Sanftmut; Hergard Engert als Hermione, die immer auch ein bisschen undurchschaubar bleibt; Henning Strübbe als Polyxenes, der ein bisschen eitel ist, gleichwohl integer; und Katharina Dalichau als herrlich zupackende Paulina. In den Nebenrollen glänzen Georg Strohbach als Moderator und André Felgenhauer, der Shakespeares Spitzbuben Autolycus etwas Faunisches gibt. Dazu die Musik- und Toncollagen von Bojan Vuletic – alles in allem eine Inszenierung, die bis auf wenige Ausrutscher (ein großer Fisch?!) mit guten Ideen überzeugt.

(NGZ)