Shakespeare-Festival in Neuss: Rezension von "King Charles III."

Auftakt in Neuss : Shakespeare-Festival startet stimmig mit den Royals

In Neuss ist das Shakespeare-Festival gestartet - mit einer gelungenen Inszenierung von „King Charles III.“, einem zeitgenössischen Stück über einen anspruchsvollen König von England und die Staatskrise, die er auslöst.

Charles hadert mit seiner Rolle. Ein Monarch will er ja sein. Aber ohne Macht? Nein, so sieht das Selbstverständnis des neuen Königs von England nicht aus. Und so bricht er, noch bevor die Krönung überhaupt stattgefunden hat, eine Staatskrise vom Zaun, die sein Land spaltet und an den Rand des Abgrunds bringt.

Das könnte der Handlungskern eines Shakespeare-Dramas sein. Ist es aber nicht. Erst vor vier Jahren hat „King Charles III.“ seine Uraufführung erlebt. Natürlich in England, geschrieben von Mike Bartlett, der auch die deutsche Fassung der Bremer Shakespeare-Company (BSC) laut Programmheft begleitet hat.

Es geht um Demokratie in einer Monarchie

Was also kann man erwarten, wenn ein Zeitgenosse den heutigen, in allen Klatschblättern präsenten Royals ein Stück auf den Leib schreibt? Eine Posse? Eine Farce? Eine Tragödie? Von allem etwas wollte Bartlett eigentlich, aber herausgekommen ist - so sagt er selbst - vor allem im Kampf mit dem Shakespeareschen Blankvers ein Stück voller „Ehrlichkeit und Tiefe“, ein Stück, das „eine Geschichte erzählt, die dem Publikum wichtig werden soll“.

Denn es geht um Demokratie in einer Monarchie. Charles will trotz aller persönlichen schlechten Erfahrungen ein Gesetz des Parlaments über die Einschränkung der Pressefreiheit nicht unterzeichnen. Er weigert sich: „Ich tue es nicht, weil ich muss, sondern weil ich es will.“

Doch was steckt hinter dieser Haltung? Der Trotz eines 70-Jährigen, der nach jahrelanger Warterei endlich den Thron besteigen kann? Die politische Überzeugung eines verantwortlich denkenden Herrschers? Oder nur purer Machtwille?

Vermutlich von allem etwas, zumindest legt das teilweise recht hölzern wirkende Spiel von Peter Lüchinger als Charles das nahe. Er ist die Hauptfigur in dem Stück, das sich kongenial zur Präsentation in Shakespeares heißgeliebtem „Wooden O“ eignet und damit auch ein treffender Auftakt für das Festival im Neusser Globe ist.

In der Pause wird ein fiktives Regenbogenblatt mit Story über die Royals verteilt

Stefan Otteni hat die deutschsprachige Aufführung zurückhaltend inszeniert, setzt Komik spar-, aber wirksam ein und betont den Grundkonflikt: Wo fängt Demokratie an? Wo hört sie auf? Wer lebt sie und wer benutzt sie nur?

Im Stück spiegeln das die beiden Pole Charles sowie Oppositionsführer Mark Stevens (beeindruckend vital: Michael Meyer) und Premier Tristan Evans. Erik Rossbander spielt diesen – und fast wünscht man sich, er müsste nicht. Denn seine Präsenz auf der Bühne, selbst in den wenigen Szenen, die er in dieser Rolle hat, prädestiniert ihn geradezu für die Rolle des Charles. Lüchinger hat den König, selbst in den großen Dialogen, die seinen inneren Zwist offenbaren, gut einstudiert, aber er wirkt bei ihm seltsam blut- und fleischleer.

Sohn William (Markus Seus) und dessen Frau Kate (hervorragend: Petra-Janina Schultz) sind die Macbeth‘ der Royals. Wobei sie positiver gezeichnet, so charmant wie klug ist, aber auch mehr Machtinstinkt beweist als ihr zögerlicher Gatte. Sie ist es, die den Konflikt, der in einen Bürgerkrieg auszuarten droht, zu ihren Gunsten löst. Prinz Harry (Tim Lee) ist ein sympathischer Wirrkopf, der sich in die unkonventionelle Jess (Theresa Rose) verliebt. Die, sowieso eine Sozialistin, hat auch Flecken auf ihrer Weste.

In der Pause drehen die Bremer das Spiel nämlich weiter, verteilen den „Blick“ mit Skandal-Foto der halbnackten Jess und lassen Demonstranten zwischen den Bier, Wasser oder Wein trinkenden Zuschauern toben.

Wie immer zeigen sich die Bremer bestens eingestellt auf die Spielweise in dem hohen Theaterrundbau, allein das haben sie vielen ihrer Kollegen, die in den nächsten vier Wochen noch an der Rennbahn auftreten werden, voraus. Knappe drei Stunden dauert ihr Spiel, es hat Längen, und manches Mal wünscht man sich mehr Feuer, aber ein gelungener Auftakt für das Festival ist die Inszenierung allemal. Und sei es nur, um zu zeigen, dass Shakespeare nie alt wird.

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