Shakespeare-Festival 2019 in Neuss: Slapstick bis hin zum Verrat an Shakespeare

Shakespeare-Festival 2019 in Neuss : Slapstick bis hin zum Verrat an Shakespeare

Die unentschlossene Adaption der Bremer Shakespeare Company von „Der Widerspenstigen Zähmung“ ließ Zuschauer ratlos zurück.

Am Ende dieses Abends im Globe an der Rennbahn wird sich wohl Mancher gefragt haben: Was habe ich heute gesehen? „Der Widerspenstigen Zähmung“? Kann nicht sein, denn der Regisseur Ralf Siebelt von der Bremer Shakespeare Company hatte bei der Einführung abgewiegelt: „Wir haben aus dem Stück etwas anderes gemacht“. Eine Bühnenadaptation des Anne-Tyler-Romans „Die störrische Braut“, also eine zeitgenössische Annäherung an Shakespeares Komödie? In Teilen vielleicht, als geschlossene Handlung eher nicht. Welchen Sinn hatte es, dass Herbert Grönemeyer mehrfach sein Lied von der Currywurst singen durfte? Ruhrgebiets-Barde als hippe Alternative für den Barden aus Stratford?

Mit Grönemeyer wäre man freilich auf jeden Fall bei dem Hauptthema dieses inhaltlich und sprachlich ziemlich unentschlossen daherkommenden Zweieinhalbstunden-Abends: Vegetarier und Veganer gegen Fleischesser. Oder: Rettet die Labormäuse. Oder: Wie eklig schmeckt eine durch den Wolf gedrehte Pampe aus Nahrungsergänzungsmitteln? Ralf Siebert und seine fünf einsatzstarken Darsteller haben sich mit der Dekonstruktion von „The Taming of the Shrew“ einfach zu viel vorgenommen. „Die Erzählung, ein Mann bricht den eigenständigen Willen einer Frau so lange, bis sie letzten Endes den Kopf unter seinen Stiefel legt – das kann man heute ja gar nicht mehr machen. Der Plot ist grauenhaft“, meint der Regisseur.

In der vom Roman inspirierten Fassung ist Kate die Tochter eines Professors für Labormedizin. Meist übel gelaunt kümmert sie sich um den Haushalt ihres Vaters und darum, dass ihre jüngere Schwester Bibi nicht allzu viel Blödsinn macht. Nun hat Vater Battista einen russischen Assistenten namens Pjotr, der für ihn absolut unentbehrlich ist. Aber dessen Aufenthaltsgenehmigung für die USA droht abzulaufen. Battistas Idee: Tochter Kate soll mit Pjotr eine Scheinehe eingehen. Was sie nach vielen Irrungen und Wirrungen auch tatsächlich tut.

„Wäsche, 65 Grad“ sind die ersten Worte des Bremer Spiels. Kate gibt einem Computer Anweisungen für die Hausarbeit. Im Hintergrund erfreuen sich der Professor und sein Assistent auf einer Videowand an der Gesundheit ihrer Labormäuse. Was dann folgt, ist eine Verschränkung von Szenen der Shakespeare-Komödie mit der Handlung des Romans, unter sehr starker Dominanz der Tyler-Story. Unterschiedliches Bühnenlicht, mal blau, mal hell, soll den Zuschauern Orientierung bieten. Das funktioniert nur mit Einschränkungen. Eine Tischszene mit mit dem zähen, klebrigen Veggie-Brei wird einfach allzu lange ausgewalzt, so wie auch andere Szenen um des lustigen Spiels willen kein Ende finden. Wenn dann plötzlich Shakespeares Blankverse im Blaulicht zu hören sind, klingt das wie Verrat am Original: Hört mal her, so etwas Gestelztes hätten wir euch den ganzen Abend lang bieten können. Wollten wir aber nicht. Viel lieber ein paar lustige Faxen, Slapstick, Slow Motion und Akrobatik auf der engen Bühne des Globe. Kurz vor der Pause ist man dann beim Plastikmüll in den Weltmeeren angekommen und ins Kambrium gerutscht, das Erdzeitalter der gliederlosen Lebewesen. Unter einer Kunststoff-Folie träumt die „Widerspenstige“, so der Titel des Bremer Spiels von besseren Zeiten. Am Ende kommt dann doch die berühmte Unterwerfungsrede, Shakespeares Mega-Kotau der Frau. Hier aber nicht von Kate, sondern von Bibi (Bianca) gesprochen: „Dein Mann, das ist dein Herr, dein Leben, dein Ernährer, ist dein Haupt, dein Fürst, der für dich sorgt.“ Ordentlicher Beifall für die Bremer, die in diesem Jahr auch noch „König Lear“ in Neuss zeigen werden.

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