Shakespeare Company Berlin mit "Der Kaufmann von Venedig"

Shakespeare-Festival in Neuss : Ein Drama mit Märchenelementen

Die Shakespeare Company Berlin war mit dem Stück „Der Kaufmann von Venedig“, der umstrittenen „dunklen Komödie“ von William Shakespeare, im zweimal ausverkauften Neusser Globe zu Gast.

Keine Aufführung dieses Klassikers, ohne dass sich zumindest ein leichtes Unbehagen zu Wort meldet: Darf man den „Kaufmann von Venedig“, den Kritiker ein antisemitisches Stück nennen, überhaupt noch spielen? Hat nicht der Holocaust, wie der Literaturkritiker Harold Bloom sagte, das Werk „unaufführbar gemacht“? Oder gehört es sogar auf die Bühne, wie Theaterwissenschaftlerin Vanessa Schormann in ihrer Einführung meinte? Und das nicht trotz, sondern wegen seiner politisch-historischen Brisanz?

Am Ende der Aufführung im Neusser Globe lässt sich sagen: Man darf dieses immer noch umstrittene Drama zeigen – wenn man es denn so macht wie die  Shakespeare Company Berlin. Dass mit Shylock eine der Hauptfiguren Jude ist, rückt in der Inszenierung von Michael Günther in den Hintergrund. Es erklärt allenfalls die unglaublichen Verletzungen, die die Ursache für Shylocks Rachedurst sind. Viel wichtiger ist Günther der Gegensatz von purem Gewinnstreben und Menschlichkeit. Letztere vermisst der Regisseur, der nach eigenem Bekunden als Kind der DDR bei aller Zustimmung zum demokratischen Rechtsstaat auch knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mit dem westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem fremdelt. Da sieht er Parallelen zwischen der frühen kapitalistischen Metropole Venedig, in der Shakespeare sein Drama ansiedelt, und dem heutigen Berlin, dem angesichts des immensen ökonomischen Drucks die Mitte fehle.

Ein Spielball geschäftlicher Fortune ist Kaufmann Antonio, der sich für seinen Freund Bassanio hoch verschuldet und in sträflicher Überheblichkeit Shylocks absurde Bedingungen annimmt. In der Heftigkeit ihrer Abneigung für den jeweils anderen nehmen sich die beiden nichts. Und auch sonst gleichen sie sich in vielem. Dramatisch zugespitzt wird dies in der berühmten Verteidigungsrede Shylocks zu Beginn des dritten Aktes – auch diese viel mehr ein Plädoyer für die Gleichheit der Menschen. Zumal von Stefan Plepp so eindringlich vorgetragen, dass es im ausverkauften Globe mucksmäuschenstill war. Ihm gelang es nicht nur in dieser Szene, regelrecht Verständnis für seine Figur zu wecken.

Dass es in dieser „dunklen Komödie“ dennoch Grund zu lachen gibt, liegt vornehmlich an der romantischen Parallel-Story mit Märchen-Elementen: Portias Suche nach einem Ehemann, die auch Gelegenheit gab, komisches Talent auszuleben. Da war etwa Kim Pfeiffer als die junge Nerissa, die ihre Freundin Portia (Vera Kreyer) mit Parodien  ihrer Bewerber aufheitert – und dabei von einem der Verehrer überrascht wird. Daniel Schröder durfte nicht nur den auserwählten Bassanio geben, sondern auch dessen Konkurrenten als Witzfiguren vorführen. Seine Wandelbarkeit stellte Oliver Rickenbacher unter Beweis, der nicht nur den melancholischen Antonio verkörpert, sondern in der Rolle des alten Gobbo auf Anhieb kaum wiederzuerkennen ist. Und für Vera Kreyer hielt ihre Rolle die Gerichtsszene bereit, in der die verkleidete Portia als ominöser Rechtsgelehrter auftritt und – nach schier unerträglicher Zerrissenheit zwischen Gesetzestreue und Menschlichkeit – schließlich ein salomonisches Urteil fällt.

Für ein wenig Volkstheater-Atmosphäre sorgten neben schnellen Auf- und Abgängen sowie den Kostümen (Gabriele Kortmann) auch die musikalischen Einlagen des Ensembles, von denen ein Gesangs-Quartett besonders im Gedächtnis blieb.

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