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Barbara Shahbaz: Selbsthilfe als Weg aus der Isolation

Barbara Shahbaz : Selbsthilfe als Weg aus der Isolation

Die Sozialpädagogin Barbara Shahbaz spricht über die Bedeutung von Selbsthilfegruppen im Rhein-Kreis Neuss.

Warum ist Selbsthilfe so wichtig?

Shahbaz Weil sie chronisch Erkrankten ermöglicht, sich auf Augenhöhe auszutauschen. In Selbsthilfegruppen kommen Betroffene aus ihrem Patientenstatus und ihrer sozialen Isolation heraus und treffen auf Menschen, die sie verstehen.

Wie viele Selbsthilfegruppen gibt es im Rhein-Kreis Neuss?

Shahbaz In meinem Bereich, der Neuss, Kaarst, Meerbusch und das Umland umfasst, gibt es 70 Gruppen. Meine Kollegin vom Kreisgesundheitsamt in Grevenbroich, Renate Gähl, ist Ansprechpartnerin für Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen. Dort gibt es 50 weitere Selbsthilfegruppen.

Sie unterstützen Betroffene bei der Gründung von Selbsthilfegruppen. Wie muss man sich das vorstellen?

Shahbaz Ich vermittle die Kontakte. Von einigen Selbsthilfegruppen nenne ich direkt die jeweiligen Ansprechpartner und die Zeiten der Treffen. Andere Gruppen wie zum Beispiel zu Erkrankungen wie Depression oder "Angst und Panik" möchten zunächst mit den Betroffenen persönlich sprechen.

Psychische Erkrankungen nehmen zu. Stellen Sie auch einen größeren Bedarf in diesem Bereich für Selbsthilfegruppen fest?

Shahbaz Eindeutig. Insbesondere im Bereich Burnout und Depression gibt es einen starken Anstieg.

Woran liegt das?

Shahbaz Die Ursachen sind vielfältig. Jedes Einzelschicksal ist anders. Grundsätzlich gilt aber: Viele Menschen fühlen sich alleingelassen von der Gesellschaft. Ihre Krankheitsbilder werden tabuisiert. Insbesondere jungen Menschen fehlt es an Vorbildern zur Krisenbewältigung. Diese finden sie aber in Selbsthilfegruppen.

Haben Sie persönlich auch schon mal Selbsthilfe benötigt?

Shahbaz Nein. Aber ich komme auf Einladung zu den Treffen von Selbsthilfegruppen, unterstütze, wenn es Konflikte gibt, oder gebe neue Impulse. Bei Neugründungen moderiere ich die ersten zwei Treffen.

Sie arbeiten seit einem Jahr im Büro des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in der Selbsthilfe-Kontaktstelle. Sind seitdem neue Gruppen entstanden?

Shahbaz Insgesamt sechs: zu den Erkrankungen Depression, Angst- und Panikstörungen, Beziehungssucht von Frauen, Adipositas, Diabetes sowie eine Gruppe für Erkrankte und Angehörige des Glioblastoms.

Gibt es Hürden bei der Gründung einer Selbsthilfegruppe?

Shahbaz Rein formal ist es ganz leicht. Es gelten dieselben Voraussetzungen für die Gründungswilligen, die auch für alle anderen Selbsthilfe-Interessierten gelten: relative Stabilität, ausreichende Restgesundheit, Freiwilligkeit, Wille zur aktiven und konstruktiven Mitarbeit in der Gruppe.

Wie sieht die Unterstützung durch die Selbsthilfe-Kontaktstelle aus?

Shahbaz Wir arbeiten bewusst ganz niedrigschwellig. Jeder, der Fragen zur Selbsthilfe hat, ist willkommen - ganz ohne Termin.

Werden Selbsthilfegruppen von Ärzten, Psychologen, aber auch anderen Experten denn wirklich ernst genommen?

Shahbaz Das lässt sich pauschal nicht sagen, wir haben teils sehr gute Erfahrungen gemacht. Es gibt aber auch Experten, bei denen noch nicht angekommen ist, wie sinnvoll Selbsthilfegruppen sind.

Das Motto in diesem Jahr lautete "In der Selbsthilfe versteht sich Inklusion von selbst". Wenn sich Inklusion von selbst versteht, wieso dieses Motto?

Shahbaz Wir haben bewusst den vermeintlichen Widerspruch gewählt, um aufzuzeigen, wie selbstverständlich Inklusion in der Selbsthilfe ist. Denn in Selbsthilfegruppen erfahren viele Betroffene häufig erstmals Gleichberechtigung. Sie werden nicht als defizitäres Wesen wahrgenommen, sondern sind Gleiche unter Gleichen.

BÄRBEL BROER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(NGZ)