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Neuss: Sekundarschule oder Gesamtschule?

Neuss : Sekundarschule oder Gesamtschule?

Die Politik ist gespalten: SPD und Grüne fordern die Gesamtschule, CDU und FDP die Sekundarschule. Eine Analyse.

Eines steht bereits fest: Neuss braucht angesichts der Schließung fast aller seiner Hauptschulen — übrig ist nur noch die katholische Maximilian-Kolbe-Schule — eine Alternative. Wie die jedoch aussehen soll, darüber herrscht Streit. Die Koalition aus CDU und FDP versucht mit aller Kraft, die Sekundarschule durchzusetzen, die Opposition stemmt sich dagegen, fordert — unisono mit Verwaltung und Bürgermeister — die vierte Gesamtschule. Die Meinungen gehen hin und her, wahlweise wirft die CDU der SPD Ideologie vor, die Sozialdemokraten sprechen von "Ignoranz und Arroganz", so der Vorwurf von SPD-Ratsherr Ingo Stolz. Die Fronten sind verhärtet, zumal die CDU nun ein massives Werbeprogramm gestartet hat, mit dem sie für die Sekundarschule wirbt.

Foto: Berns, Lothar

Dabei sind sich Sekundarschule und Gesamtschule in ihren Grundzügen durchaus ähnlich, denn beide verfolgen das Prinzip des längeren gemeinsamen Lernens. So sehen es auch die Verfechter der Gesamtschule, etwa Olaf Templin, Schulleiter der Gesamtschule Nordstadt. Im Schulausschuss hatte Templin vehement für die vierte Gesamtschule geworben. Sein Credo: Kinder seien nach der vierten Klasse keine Hauptschüler, Realschüler oder Gymnasiasten. "Es sind Kinder", sagt Templin.

Für ihn geht die Sekundarschule allerdings nicht weit genug — denn diese Schulform geht zwar eine Kooperation mit einer Gesamtschule oder einem Gymnasium ein, um die Option auf das Abitur zu ermöglichen, ihr originäres Ziel ist aber der Abschluss nach Klasse zehn. "Die Gesamtschule ist die Schulform, die das klare Ziel verfolgt, alle Kinder zum Abitur zu bringen", sagt Templin. Das wissen auch die Eltern. "Wir haben hier Tränen von Kindern und Eltern, wenn Schüler bei den Anmeldungen abgelehnt werden", berichtet die stellvertretende Schulleiterin Ute Deckers. 45 Schüler musste die Gesamtschule Nordstadt in diesem Jahr ablehnen, 200 Ablehnungen waren es an den drei Gesamtschulen insgesamt. Dieser große Andrang ist es auch, der Verwaltung wie SPD und Grüne zu dem Schluss führt, eine vierte Gesamtschule sei Elternwille.

Allerdings waren die Gesamtschul-Anmeldungen bis dieses Jahr immer vorgeschaltet, um Kindern, die im ersten Durchgang abgelehnt wurden, eine erneute Bewerbung an den anderen Schulen zu ermöglichen. Dieses Verfahren hat der Schulausschuss mit CDU/FDP- Mehrheit gekippt, um dem Argument des "Elternwillens" den Wind aus den Segeln zu nehmen.

"Ich bin überzeugt, dass wir dennoch weiter von Anmeldungen bestürmt werden", sagt Gesamtschulleiter Templin. Nur stelle sich dann der negative Effekt ein, dass Kinder nach einer Ablehnung bei anderen Schulen "klinkenputzen" müssten. "Für Kinder, die dann weiter abgelehnt werden, eine schreckliche Erfahrung", meint der Pädagoge.

Wo der Elternwille liegt, das soll nun die Elternbefragung zeigen, die vor der Einführung der Sekundarschule verbindlich ist. Dass die CDU massiv für die neue Schulform wirbt, ist wohl nicht nur ihrer Begeisterung für die Sekundarschule, sondern auch der Angst vor dem Votum zuzuschreiben — denn Eltern, die für ihr Kind das Abitur als Ziel haben, wählen eher die Gesamtschule. So war es auch in der Nachbarstadt Kaarst, wo die CDU vergeblich auf die Sekundarschule gedrängt hatte. Dort beugte sich die Partei schließlich dem Elternwillen.

Ob das in Neuss auch der Fall ist, wird sich zeigen. Schon werden Rufe aus der Union laut, dass, sollte die Entscheidung pro Gesamtschule ausfallen, diese ja nicht sofort kommen müsse. Das allerdings wäre Politik auf Kosten der Kinder.

(NGZ/url)