Neuss: Sehr sehenswertes Doppelpack im RLT

Neuss : Sehr sehenswertes Doppelpack im RLT

Zwei Vorstellungen an einem Abend: Das RLT startet mit einer Doppelschlag in die Saison, der Hebbels "Nibelungen" in zwei Teilen zeigt. Inszeniert von zwei Regisseurinnen, die jede auf ihre Art doch einer gemeinsamen Linie folgen.

Siegfried stirbt. Und er stirbt lange. Kann noch reden, nach seinem Schwert suchen, immer wieder aufstehen — und vier Klappstühle aufstellen. Letzteres indes nur in der Regie von Ester Hattenbach, die die beiden ersten "Abteilungen" von Friedrich Hebbels Trauerspiel "Die Nibelungen" ("Der gehörnte Siegfried" und "Siegfrieds Tod") in ihrer Inszenierung für das RLT zu einem Teil zusammenfasst. Ihre Arbeit ist gleich zu Beginn der Spielzeit der der Auftakt zu einem ungewöhnlichen Abend im Landestheater, der erst nach fünfeinhalb Stunden sein Ende findet.

... und die ältere (Linda Riebau), die auf Rache an Siegfrieds Mörder Hagen Tronje, (hier der ältere: Andreas Spaniol) sinnt. Foto: Björn Hickmann

Denn auf 150 Minuten "Siegfried" folgen nach einer Pause noch 120 Minuten "Kriemhilds Rache", Hebbels dritte "Abteilung", inszeniert von Hausherrin Bettina Jahnke. Die Doppelvorstellung mit dem kompletten, aber geschickt gekürzten Klassiker ist Kraftakt und Wagnis zugleich — fürs Publikum und Ensemble. Halten die Zuschauer das durch? Sie sollten jedenfalls, denn selbst wenn jede Inszenierung für sich steht und auch so gesehen werden kann — in der direkten Folge enthüllt sich mit ganzer Wucht die Tragik, wenn Menschen den einen Weg einschlagen, obwohl sie besser und genauso gut einen anderen hätten wählen können.

Zweimal bietet Kriemhild ihrem Bruder König Gunther auf dem Silbertablett an, das Heft nach allen Regeln in die Hand zu nehmen und Gericht zu halten über den Mörder ihres Siegfrieds. Die junge Kriemhild bei Esther Hattenbach fordert in der verzweifelten Hoffnung auf Gerechtigkeit und dem Wissen, dass sie selbst nichts tun kann. Und die ältere unter Bettina Janke fleht, weil es sie von ihren furchtbaren Racheplänen erlösen würde. Der junge Gunther begründet seine Weigerung noch diffus mit verletzter Ehre, der ältere mit der ganzen Arroganz des Mächtigen hat nichts weiter nötig als ein "Das weigre ich." Verrat, Mord, und Rache sind in beiden Inszenierungen keineswegs schicksalhafte Fügungen, sondern Folgen menschlichen Tuns.

Für diese gemeinsame Linie finden Hattenbach und Jahnke jedoch ganz eigene Bilder. Im ersten Teil, als Kriemhild und Siegfried sich kennenlernen, er ihre Hand bekommt um den Preis, für König Gunther die nordische Königin Brunhild zu besiegen (mit Hilfe der Tarnkappe) und nach Worms zu bringen, ist die vorherrschende Farbe noch unschuldiges Weiß.

Denn so richtig Gedanken macht sich keiner, was da in Gang gesetzt wird durch den Betrug, der bis zum falschen Spiel in der Hochzeitsnacht von Gunther und Brunhild reicht. Nur die von Metallplatten eingefasste Bühne lässt die martialische Entwicklung ahnen und wird im späteren zweiten Teil blutrot eingefärbt (Bühnenbild: Juan Léon). Im Gegensatz zu Jahnke, die für den mittlerweile unausweichlichen Weg in die Katastrophe eindringliche und schnörkellose Bilder findet, erzählt Hattenbach fast flapsig, wie alles beginnt. Ein bisschen Slapstick hier und da, Sprechgesang, Wagner-Zitate, Wortspiele, auch Unsinnigkeiten (warum Klappstühle?) — aber all das ist dosiert eingesetzt, dampft etwa männliches Imponiergehabe als simples Kikeriki ein. Ihr spielerischer Zugang macht die Fallhöhe der Figuren umso deutlicher, was nicht zuletzt auch an dem exakten Spiel der Darsteller liegt.

Bei Jahnke ist dann Schluss mit lustig. Am Hof von König Gunther leben nun nur noch Machtmenschen. Unerreichbar, alles andere als glücklich. Die vorherrschende Farbe ist Schwarz, der Ton zynisch und kalt. Viel Menschliches haben die Herren nicht mehr an sich, in ihrer Arroganz und Skrupellosigkeit fühlen sie sich unantastbar. Eine Atmosphäre, die geschlagene Menschen wie Kriemhild förmlich zu Boden drückt. Sie kriecht nurmehr, bekleidet mit Hose und Wams ihres toten Siegfrieds und wird von den Brüdern gewaltsam in ein Kleid gezwängt, als Königs Etzels Abgesandter Rüdeger um sie freit.

Im ersten wie im zweiten Teil steht dabei ein wunderbar agierendes Ensemble auf der Bühne. Wenn denn überhaupt besondere Leistungen genannt werden müssen, dann diese: Pablo Guaneme Pinilla (neu im Ensemble) ist ein sympathisch-wilder Siegfried, dem man gerne länger beim Leben zugesehen hätte. André Felgenhauer ein umwerfend süffisant-hinterlistiger Hagen Tronje, der bei Andreas Spaniol zum puren Zyniker wird. Und Sigrid Dispert gibt eine ungestüme Kriemhild, deren Leid bei Linda Riebau ins Unermessliche wächst und puren Hass und Rache gebiert.

(NGZ)