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Neuss: Sehenswerte Kafka-Inszenierung im RLT

Neuss : Sehenswerte Kafka-Inszenierung im RLT

Für das Studio des Rheinischen Landestheaters bringt Tim Wittkop die bitterböse Geschichte "Ein Bericht für eine Akademie" auf die Bühne. Im Fokus der erfrischenden Inszenierung: die Menschwerdung des Affen Rotpeter.

Unaufhörlich sind Kafkas Figuren unterwegs. Zum Glück, zur Gerechtigkeit, zur Freiheit, ins Leben. Nie aber gelangen sie an ihr Ziel, denn allein Unterwerfung, Selbstaufgabe und Zerstörung sind die engen Gassen, die ihnen offenstehen. Auch Rotpeter, Ex-Affe und Protagonist der Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie", findet sich in verzweifelter Lage, zwischen engen Gitterstäben, nachdem man ihn gewaltsam seines freien, äffischen Lebens fernab der Menschen beraubt hat. Und so unglaublich auch seine Anstrengung ist, ein Mensch zu werden, um Tod, Verderben und Ödnis des gefangenen Zootieres zu entkommen, so ist sie doch nicht der Weg zur Freiheit, nicht einmal der ersehnte Ausweg.

Was die Inszenierung, die Tim Wittkop für das Studio des Rheinischen Landestheaters geschaffen hat, erfrischend von vielen anderen Inszenierungen dieser bitterbösen Geschichte eines verlust- und doch bei Kafka erfolgreichen Bildungsprozesses unterscheidet und was sie wirklich sehenswert macht, ist, dass Wittkop erfolgreich der Versuchung widersteht, Kafkas geschmeidige Sprache und die äffische Natur des Protagonisten in den Fokus zu stellen. Stattdessen konzentriert auf den Prozess der Domestizierung, zeigt er die Menschwerdung des Affen als Verlust und Zerstörung, die eben nicht einen wohlgebildeten jungen Mann mit besten Manieren hervorbringt, sondern ein vielfach gebrochenes Wesen. Mag er auch mit Kreide den Grundriss einer menschlichen Wohnung auf den Boden zeichnen, so bleibt Wittkops Rotpeter doch ein Gefangener zwischen den Kisten aus Übersee und wird keine Sekunde heimisch in der Welt seiner Bezwinger. Georg Strohbach zeigt diesen Affen grandios mal als tobende, mal als resignierte Kreatur, mal rasend, mal zerstreut und fahrig als einen geschliffenen Berichterstatter und zotigen Affen, dem der Tanz mit der eigenen äffischen Natur misslingt und der sie nur abstreifen, zerstören kann, ohne deshalb etwas anderes zu werden, als er ist. Auch die vielfachen Domestizierungsprogramme, die "Peter", als menschgewordener Affe Rotpeters unerreichbares Vorbild, immer wieder einschaltet, und denen das gefangene Tier unaufhörlich ausgesetzt wird, können daran nichts ändern.

Voller Brüche und Einschnitte ist diese Inszenierung, gerade deshalb packt sie, fasziniert und berührt. Strohbach und Wittkop machen die Qualen und die Fremdheit des Affen, das Herausgefallensein der Kreatur aus sich selbst in jeder Minute spürbar. Nie lassen sie die Zuschauer rund und verträglich auf den Prozess der Menschwerdung blicken, sondern zeigen seine unerhörte Destruktionskraft und führen sie anders als Kafka konsequent zu ihrem Ende. Kein Ausweg, sondern eine Sackgasse ist diese Menschwerdung, kein Gewinn, nur ein Ende. Düster und doch absolut sehenswert.

(NGZ)