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Neuss: Schwankender Stil

Neuss : Schwankender Stil

Neuss Im Olymp herrscht drangvolle Enge. Die Heimstatt der Götter ist nicht mehr als eine kleine Hütte, in der Zeus, Athene und Hermes Gefahr laufen, einander auf die Füße zu treten. Gottseidank haben die Kinder des mächtigen Weltenherrschers allerhand zu tun: Hermes ist als Bote ohnehin ständig unterwegs und Athene damit beschäftigt, Odysseus zu retten.

Der sitzt nämlich auf der Insel der Kalypso fest und beklagt sein Leid, will nach 20 Jahren endlich wieder zurück nach Ithaka. Vielleicht argwöhnt Zeus ja nicht zu Unrecht, dass Athene sich für den Helden von Troja so ins Zeug legt, weil sie ein bisschen verliebt in ihn ist, aber egal: Er lässt sich überzeugen. Nicht ohne seufzend festzustellen: "Vor meinem flammenden Zorn erbebten Berge und Meere, Jetzt sagt die herrische Tochter, was ich tun soll, was lassen." Der Generationenkonflikt macht eben auch vor Göttern nicht halt.

Hexameter und moderne Sprache sind die beiden Pfeiler von Ad de Bonts Stück "Eine Odyssee", das nach der Hamburger Uraufführung nun zum ersten Mal am Landestheater nachgespielt wird. Ein Stück für Menschen ab zwölf, das indes völlig zu Recht im abendlichen Programm läuft, denn an dieser ebenso witzigen wie aufs Wesentliche reduzierten Aufarbeitung des Homerschen Epos haben junge und alte Zuschauer gleichermaßen Spaß.

Insofern also hat das RLT einen Glücksgriff getan, als es sich die Rechte an dem Stück sicherte, nachdem die Landesregierung 160 000 Euro zusätzlich für eine Kinder- und Jugendtheaterproduktion bewilligt hatte. Von den Lobeshymnen jedoch, die auf Klaus Schumachers Uraufführung des Stücks am Jungen Schauspielhaus in Hamburg gesungen werden, ist der Neusser Regisseur Andreas Ingenhaag leider weit entfernt.

Das liegt vor allem daran, dass die siebenköpfige Darstellerschar zwar mit Einzelleistungen, nicht aber als zusammengehörendes Ganzes überzeugen kann. Die vier Schauspielschüler der Folkwang-Hochschule Essen und die drei Profis, allesamt als Gäste engagiert, finden sich nicht zu einem Ensemble zusammen; die Inszenierung zerfällt in Einzelbilder. Von der kreischenden, zutiefst beleidigten Kalypso zum Beispiel; oder den beiden Girlies Nausikaa und Freundin, die sich am Strand von Scheria so herrlich langweilen.

Beide Darstellerinnen dieser Szenen - Alice von Lindenau und Anna Staab von der Folkwang-Hochschule - hinterlassen in der Einzelleistung noch den stärksten Eindruck; enttäuschend blass, weil eindimensional im Spiel dagegen: Profi Martin Bringmann als Odysseus, der eine seltsam diffuse Randfigur bleibt. Dass er in hehren Hexametern spricht, muss nicht heißen, ihn ungebrochen zu spielen.

Ohnehin hätte de Bonts Stück einen beherzteren Zugriff vertragen. Denn gerade der erzählerische Duktus des Stücks - de Bont baut die einzelnen Stationen der Odyssee als eine Art Bericht ein, der sich flugs in eine gespielte Szene verwandelt - bietet eine wunderbare Basis für fulminante Bildideen.

Und die eine oder andere von Regisseur Ingenhaag zeigt auch durchaus, wo es hätte hingehen können: Die Sirenen etwa - in Marilyn-Monroe-Outfit und ausschließlich von Männern verkörpert - ein irgendwie zwischen Schlager, Rap und Rock angesiedeltes Liedchen (schön schräg: Komponist Markus Maria Hansen) säuseln zu lassen, war so überraschend wie überzeugend. Aber leider schwankt Ingenhaags Stil permanent zwischen ironischer Brechung und getragener Text-Wiedergabe; er bekommt die beiden Sprach- und Spielebenen nicht zusammengeklammert.

Der insgesamt sehr unterkühlt wirkenden Inszenierung passt sich Ausstatter Sven Hansen exakt an. Vor einzeln gehängten Fotobahnen einer griechische Landschaft balancieren die in weiße Anzüge gehüllten Götter immer ein bisschen oberhalb der Menschen, die sich auf einer Schräge abmühen. Auch diese sind ganz heutig gewandet, die Männer in dunklen Anzügen, die Frauen je nach Rolle im knappen Strandoutfit oder im braven Kleid.

Info Nächste Vorstellungen: 8. und 10. Oktober, 20 Uhr, Kartentelefon 0 21 31/26 99 33

(NGZ)