Fackelzug beim Schützenfest in Neuss 2023 Schützenfrauen im Verein oder auf dem rosa Einhorn?

Neuss · „Klimakleber“, Frauen im Schützenverein, höhere Beiträge für die Schützen, eine Innenstadt, der Verödung droht – diese und viele Themen mehr nahmen die Schützen beim Fackelzug am Samstagabend ins Visier.

Bürger-Schützenfest 2023 in Neuss: Der Fackelzug in Bildern
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So schön ist der Fackelzug beim Schützenfest in Neuss

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Foto: Frank Kirschstein

Vor einem Jahr war es der Schützenlustzug „Fein raus“, der mit seiner Fackel „Rand oder Reihe“, „Röskes rein in den Verein“, die Debatte um eine aktivere Rolle von Frauen im Neusser Bürger-Schützenverein befeuerte, jetzt legt der Hubertuszug „Rheinkaliber“ mit einem noch deutlicheren Statement nach: „Reihe statt Rand“, Nicht noch 200 Jahre warten“, „Passiv ohne Rechte – zu wenig“, diese Forderungen auf seiner Fackel fasst der Zug in einem schlichten „Alle rein in den Verein“ zusammen. Und nebenbei macht er auch noch klar, was er von Rassismus und Diskriminierung hält. Nichts. „Nicht auf unserer Bühne“, heißt es bei auf der „Rheinkaliber“-Fackel.

Auch der Grenadierzug „D’r Maat eraff“ macht „Frauenpower“ zum Thema und lässt eine Schützin auf den Königsvogel anlegen. Andere Züge gehen das Thema mit mehr Interpretationsspielraum an, da scheinen Schützenfrauen im Regiment eher noch ein Fantasieprodukt, so zum Beispiel beim Jägerzug „Annemarie“, der auf seiner Fackel eine Königin auf einem rosa Einhorn durchs Obertor reiten lässt.

Ein Plädoyer für eine offene, diskriminierungsfreie Gesellschaft liefert unterdessen der Grenadierzug der Nüsser Divergenten, die gemeinsam mit Schülerinnen der Janusz-Korczak-Gesamtschule ein Herz für Vielfalt zeigen, Motto: Vielfalt bereichert, denn das Leben ist bunt.

Der Grenadierzug „Die Scheinheiligen“, tut sich allerdings schwer mit verordneter politischer Korrektheit: Seine Fackel wird zum Schützen-Duden der Zukunft, kleine Kostproben inklusive: „Oberleutnant*innen führen die Züg*innen“, „Jäger*Innen tragen Blumenhörner*innen“… Der Zug hält dagegen: „Gelebte Diversität ist mehr als Gendern“.

Eindeutig ungeliebt sind im Schützenregiment ganz offensichtlich die Aktionen der Aktivisten der Letzten Generation. Gleich mehrere Züge nehmen sie ins Visier, der Grenadierzug „Knüver“ zum Beispiel: „Ohne Hirn und Arbeitgeber wird man Klimakleber“, heißt es da, verbunden mit dem augenzwinkernden Hinweis: „Schötze kleve lever an de Thek“. Ganz ähnlich formuliert es auch der Schützenlustzug „Mit Lust und Laune“. Beim Jägerzug „Enzian“ wird der Weg zur Parade wegen „Klimaklebern“ auf dem Markt zum Hindernislauf.

Gleichwohl ist der Klimawandel auch ein Thema für die Schützen. Bei den Grenadieren von „Treu zur Theke“ sonnt sich ein (Grenadier-)Pinguin zu Weihnachten am Obertor, der „Flaschenzug“ der Schützenlust, zeigt einen Schützen im Klimastress und die „Hippeböck“ der Grendiere starten Klimaventilator-Drohnen. Und auch das Gegensteuern gegen den Klimawandel wird zum Fackelthema: „Wer soll das bezahlen?“, fragen die „Stubenhocker“ der Grenadiere, während die Frage beim Jägerzug „Munteres Rehlein“ lautet: „Neue Heizung oder König?“ Die Kosten seien allemal vergleichbar.

Kritische Fackelbauer-Töne gibt es auch erneut zum Thema Neusser Innenstadt: „De Stoppetrecker“ der Schützenlust lassen Bürgermeister Reiner Breuer aus einer Riesen-Straßenbahn grüßen: „Kost nix, wenn dä Zoch kütt“, die – im Hauptstraßenzug kostenlose – Straßenbahn wird zur „R(h)ein(er)bahn für Umme“. Beim Jägerzug „Jongens vom Schlachhoff“ macht sich unterdessen der Sensenmann über den Kaufhof her und weitere Leerstände machen Sorgen: „Jeder zweite Laden leer, im Internet bestellen immer mehr“. Auch der Grenadierzug „Fetzige Nüsser“ spricht mit viel Ironie von der „Neusser City – wunderbar!“ und verweist auf ein Überangebot von Ein-Euro-Shops, Handy- und Dönerläden.

Dass Neuss auch Grund zu Optimismus hat, hält der Jägerzug „Eichenlaub“ dagegen: „Neuss blüht auf!“ ist die Fackel überschrieben, ein hübscher Vorgucker auf die Landesgartenschau 2026. Apropos Pflanzen und Gewächse, mit einer ganz besonderen Art setzt sich sehr zur Freude des laut applaudierenden Publikums der Schützenlustzug „Nur so“ auseinander: Hinter einem leuchtenden Schild „Cannabis Social Club“ marschieren die Schützen mit überdimensionalen „Tüten“, aus denen es aufs Feinste qualmt.

Zwei weitere starke Schützen-Themen im Fackelzug sind die Beitragssteigerungen im Verein und die allgemeine Teuerung rund um Kirmes und Festtage und die Aktion „Schützen gegen Krebs“, gestartet von Schützenkönig Marc I. Hillen. Die Grenadiere der „Wisse Röskes“ zum Beispiel zeigen eine Fackel mit einem Grenadier als Bettler: „Hasse mal ‘nen Euro?“ Vom Komitee-Beitrag bis zum Klo: „Kirmes fiere immer dürer.“ Ein großes „Neusser Bürger-Schützen-Sparschwein“ schiebt der Zug „Dreikönigenchor“ und fragt: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?“ Marc Hillen darf sich dagegen über starke Unterstützung freuen, ein Beispiel: Der Schützenlustzug „Zügellos“ schickt einen Schützen gegen Krebs in den Boxring, wo er mit starkem „Bumm!“ die Krebszellen auf die Bretter schickt.

Nachdenklich stimmt die Fackel der „Mödköttel“, ebenfalls Schützenlust, mit riesigen Peace-Zeichen und einer Ukraine-Flagge: 548 Tage Krieg in Europa. Auch dafür gibt es anerkennenden Applaus vom Straßenrand, ebenso wie für viele weitere bunte Fackelthemen von „100 Jahre Loriot“ („Die Stifte“, Schützengilde und „Jagdhorn, Jäger) bis zu den Peanuts (Rekelieser, Jäger) oder der Erinnerung an 50 Jahre Sesamstraße („Steinadler“, Jäger). Da bleibt nur eines: ein Riesen-Dank an alle Fackelbauer!

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