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Neuss: Schocktherapie für Fahrschüler

Neuss : Schocktherapie für Fahrschüler

Die Polizei will Schüler der zehnten und elften Jahrgangsstufen mit Berichten und Bildern von schlimmen Unfällen schockieren, um die Fahranfänger zu einer umsichtigen Fahrweise zu erziehen.

Das ist nichts für schwache Nerven: Bei der Premiere in Meerbusch hielten acht Jugendliche die schrecklichen Bilder und Berichte von Toten, Verletzten und grauenhaften Unfällen nicht mehr aus. Sie verließen den Saal. "Die Schockwirkung ist beabsichtigt", sagt der Neusser Polizeisprecher Hans-Willi Arnold. "Crash-Kurs NRW — Realität erfahren. Echt hart" lautet der Titel der landesweiten Pilot-Aktion in sechs Städten und Kreisen, darunter auch im Rhein-Kreis.

In dem bundesweit einmaligen Konzept zur Verkehrsunfallprävention gehen Polizisten, Rettungsassistenten, Feuerwehrleute, Notärzte, Unfallopfer und Notfallseelsorger in die Jahrgangsstufen zehn und elf in den Schulen des Rhein-Kreises. Sie schildern den 16- bis 18-Jährigen ihre Erlebnisse bei schweren Unfällen, berichten über die Bergung von Schwerstverletzten, zeigen ihre Hilflosigkeit gegenüber den Unfalltoten. Arnold: "Den jungen Menschen, die sich in der Fahrschule anmelden, wird eindringlich vor Augen geführt, wie lebensgefährlich riskantes Fahren sein kann." Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Didaktik-Experten der Uni Köln.

Nach der Unfallstatistik sind gerade die jungen Fahranfänger überproportional an oftmals schweren Unfällen beteiligt. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt zwar nur elf Prozent, doch diese jungen Menschen sind an jedem vierten Unfall im Kreisgebiet beteiligt. Arnold: "Diese Zahl ist alarmierend." Bei den Unfällen in dieser Altersgruppe wurde im vergangenen Jahr ein junger Mensch getötet, 315 wurden verletzt. Arnold: "Grund genug, im Rahmen der Unfallvorbeugung bei dieser Zielgruppe einen Schwerpunkt zu setzen."

Erste Erfahrungen wurden in Kaarst und Meerbusch gesammelt. Heute nehmen 160 Schüler in Korschenbroich am Crash-Kurs teil. Nach den Sommerferien sind die Neusser Schulen dran.

Für Schulpsychologin Gabriele Lange werden mit der Aktion keine Zumutbarkeitsgrenzen überschritten: "Die meisten Jugendlichen sind aus dem Internet und aus Filmen weitaus Schlimmeres gewöhnt." Die Verantwortlichen haben Schranken eingebaut: "Jugendliche, die in der Familie einen Unfall oder einen Todesfall erlebt haben, sollten nicht teilnehmen", erläutert die Psychologin. Aber auch andere verkraften die Bilder und Berichte nicht. "Bei einem Kurs sind acht, bei einem anderen zwei Jugendliche von insgesamt 150 bis 200 herausgelaufen", berichtet Lange. Sie bemühte sich, diese Reaktionen zu hinterfragen und mit den Betroffenen aufzuarbeiten. "Bei den Veranstaltungen steht ein Team von Helfern für die Jugendlichen bereit."

(NGZ)