"Romeo y Julieta" aus Barcelona beim Festival im Globe Neuss

Shakespeare-Festival in Neuss : „Romeo und Julia“ in einer Inszenierung voller Gegensätze

Romeo und Julia verlieben sich auf Spanisch: Das Projecte Ingenu aus Barcelona zeigte das Liebesdrama beim Shakespeare-Festival in Neuss.

Erstaunlich, wie Shakespeares Sprache rund um den Globus auf fruchtbaren Boden fällt und unterschiedliche kulturelle Prägungen seinem Werk neue Formen geben. Projecte Ingenu aus Barcelona brachten jetzt eine spanische Version des wohl berühmtesten Liebesdramas der Theatergeschichte mit zum Shakespeare-Festival ins Globe: „Romeo y Julieta“ war temperamentvoll, rhythmisch, musikalisch, leidenschaftlich – und entfachte eine riesige Begeisterung im nahezu ausverkauften Haus.

„Shakespeare ist in Katalonien so populär wie in Neuss oder England“, erklärte Regisseur Marc Chornet beim Einführungsgespräch im schönen Festivalgarten. „Mit ihm begann die moderne Idee von Menschlichkeit, davon, was es heißt, ein Mensch zu sein mit Körper, Geist und Seele.“ Seine eigentümliche, poetische Sprache funktioniere eigentlich in der katalanischen Übersetzung besser, aber letztlich habe man sich doch für die Aufführung auf Spanisch entschieden, weil man damit mehr Menschen erreiche.

Da man sich an Shakespeares Sprache eigentlich laben muss, sich in ihr baden, waren Besucher mit guten spanischen Sprachkenntnissen an diesem Abend klar im Vorteil. Für die anderen gab es nämlich nur grobe Inhaltsangaben der Szene als Obertitel. Das bewahrte allerdings auch vor dem Stress, jeden Satz mitzulesen und kaum noch etwas vom Bühnengeschehen mitzubekommen — das es in sich hatte: Die Darsteller beeindruckten allein durch ihre physische Präsenz, durch gut gebaute Choreographien und perfekt getimtes, temporeiches Spiel mit wenigen, aber universell einsetzbaren Requisiten: Zwei offene Metall-Quader und dünne Holzstangen konnten in verschiedenen Kombinationen Bett, Balkon, Schrank, Fenster, Sarg oder Schwerter sein.

Während die Zuschauer hereinströmten, machten die neun Darsteller sich schon auf der Bühne warm. Klar — es gibt ja einen Kampf zwischen den verfeindeten Familien Capulet und Montague. In Marc Chornets Inszenierung sind die Capulets komplett männlich und die Montagues weiblich besetzt. Die Ausnahme bilden jeweils Julia und Romeo, die ja versöhnen wollen und so allein von ihrer Geschlechtszugehörigkeit her eine Ausnahmeerscheinung in ihren Familien bilden. Für den Regisseur ist das ein Kommentar dazu, dass zu Shakespeares Zeit nur Männer auf der Bühne geduldet wurden und auch alle Frauenrollen übernahmen. Außerdem schien es ihm willkommener Anlass zu sein, Toni Guillemat als Julias Amme eine wunderbar grell überzogene Travestie-Show abziehen zu lassen.

Auch sonst lebte die auf nur knapp zwei Stunden Spielzeit gestraffte Inszenierung von Gegensätzen, vom spannungsvollen Fluss aus stillen und lauten, bedächtigen und rasend schnellen oder heftigen Szenen wie den explosionsartig eskalierendem Kampf zwischen Tybalt und Mercutio. Oder auch vom Gegensatz zwischen Tradition und Moderne: Auf der Feier der Capulets, wo Romeo die verhängnisvolle Begegnung mit Julia macht, tanzen die Menschen wie in einem Club von heute, singen dazu aber ein Lied des Shakespeare-Zeitgenossen John Dowland.

Das Publikum im Globe mochte diese Spannungen – und spendete am Ende der Vorstellung „Standing Ovations“.

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