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Neuss: Roman über Mädchen aus Neuss

Neuss : Roman über Mädchen aus Neuss

Es hat seine Zeit gebraucht, aber das wusste der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler schon vor vier Jahren. Damals hatte er nämlich anlässlich seiner Lesung in der Stadtbibliothek beim "Literarischen Sommer" schon im Gespräch mit der NGZ angekündigt, den nächsten Roman auch in Neuss spielen zu lassen – aber das werde wohl noch eine Weile dauern. "Nichts Weißes" heißt der Roman, der jetzt vorliegt, für den Deutschen Buchpreis nominiert und der zweite nach "Hamburger Hochbahn" ist, aus dem er damals am Neumarkt gelesenen hat. Auf 256 Seiten erzählt Ziegler die Geschichte der jungen Marleen, die von der Schrift fasziniert ist, Typografin wird und es von Neuss nach New York schafft.

Ziegler ist ein Autor, der seine Anregungen aus der Realität bezieht. Er reist viel und kennt auch Neuss von zwei Besuchen: Als 21-Jähriger war der heute 53-Jährige das erste Mal da, und einige Jahre später das zweite Mal. "Jedes Mal in Begleitung eines anderen Neussers", hat er schon damals erzählt, "Der eine hasste die Stadt, der zweite hegte ihr gegenüber zwiespältige Gefühle." Das, so fand er, sei die ideale Voraussetzung für eine Geschichte. In der Stadtbibliothek hat er dann weiter über Neuss recherchiert, zufällig den Eingang zur Pomona entdeckt und war sogleich fasziniert von diesem Stadtteil ohne Straßennamen, "der mal zur Avantgarde" gehört habe. Und so wächst seine Hauptfigur Marleen Schuller mit ihren Geschwistern in der Pomona auf, in einer katholisch geprägten Gesellschaft, aber ohne Vater Petrus, der sich zu Bhagwan im indischen Poona absetzt. Das Motiv des abwesenden Vaters entspringt ebenso wie die "Pomona"-Entdeckung Zieglers realen Erlebnissen – in diesem Fall auf einer viele Jahre zurückliegende Unterhaltung mit einer jungen Frau im Zug.

Wichtiger als ein flüchtiger Mann und die heilige Schrift ist dem Mädchen Marleen aber schon früh etwas anderes: Buchstaben. Marleen träumt davon, die perfekte Schrift zu schaffen. Was Ziegler entwickelt, ist das überaus präzise Lebensbild einer jungen Frau in den 1980er Jahren. Sie geht keinen geraden Weg, zweifelt, verzweifelt fast, aber erreicht am Ende ihr Ziel in New York. 25 Jahre ist sie da alt, hat einen Sohn, dessen Vater indes ebenfalls abwesend ist: Er hat sich für das Priestertum entschieden.

Info "Nichts Weißes", Suhrkamp Verlag, 2012, 256 Seiten, 19,95 Euro

(NGZ)