Neuss: Roman erzählt von falschen Erinnerungen

Neuss : Roman erzählt von falschen Erinnerungen

In der voll besetzten Stadtbibliothek stellte der niederländische Autor Stephan Enter seinen Roman "Im Griff" vor. Er ist der zweite Gast beim Lese-Festival "Literarischen Sommer" in Neuss.

Lotte ist für Vincent und Paul mittlerweile nur noch Erinnerung. Die beiden Männer waren vor 20 Jahren – zusammen mit ihr und Martin – im Kletterurlaub auf den norwegischen Lofoten. Nun treffen sich die Freunde in Wales wieder, folgen damit einer Einladung Martins, der Lotte damals geheiratet hat. Auf dem Weg und auch später, am Ziel der Reise, lässt der Autor Stephan Enter in seinem Roman "Im Griff" seine drei männlichen Protagonisten rückblickend erzählen und setzt so das Bild von Lotte wie ein Mosaik zusammen. Aber das Ganze endet eher fatal, denn die Drei denken nur, dass sie noch genau wissen, wie es damals war.

"Denn unsere Erinnerung ist meistens falsch", sagt Enter, der sein Buch bei einer Lesung zum "Literischen Sommer" in der Stadtbibliothek vorstellte. Er lässt die junge Frau von damals selbst aber nicht zu Wort kommen. "Ich habe versucht, das Buch in zwei Melodien zu schreiben", sagt der Mittvierziger, "es geht um Glück und Vergänglichkeit, betrachtet aus drei verschiedenen Perspektiven. Hätte ich noch den ,Lotte-Teil' hinzugefügt, so wäre die Türe am Ende zugeschlagen worden", sagt er. Und ergänzt: "Der Leser hätte abschließend das Gefühl, alles von ihr zu wissen. Aber keiner der Männer hat Lotte so ganz in den Griff bekommen, und das wollte ich auch bei meiner Leserschaft erreichen."

Mit seinen lockigen Haaren erinnert Stephan Enter an den jungen Art Garfunkel, der – im begnadeten Musikduo mit seinem Freund Paul Simon – in der Lage war, die wunderschönsten Geschichten zu erzählen. Stephan Enters Gabe ist nicht minder verzaubernd, kann er doch auch als Autor mit Worten die schönsten Bilder malen.

Beim Blick aus dem Zugfenster wird so die Landschaft "...zu einem Buch, dessen Seiten man nacheinander aufschlägt". Und wenn Paul und Vincent sich – unter all den englischen Fahrgästen – in der Londoner U-Bahn auf niederländisch unterhalten, dann erscheint ihnen das so, "...als spräche man zwischen Pflanzen". Und gerade so, als wolle er dieses Gefühl vermitteln, liest Enter eine kleine Passage des Buches in der vollbesetzten Stadtbibliothek in seiner Muttersprache. "Die ist irgendwie kompakter als das Deutsche", sagt er schmunzelnd, "die Originalausgabe hat ungefähr 50 Seiten weniger."

Viel Autobiographisches ist in der von Christiane Kuby übersetzten Geschichte enthalten; Enter selbst ist ein Hobbyalpinist. Und wenn Vincent übermütig an einer eher unscheinbaren Kletterwand am walisischen Strand scheitert, dann hat Enter das durch eigene Fehler selbst erlebt. "Das war genau so blöd, wie es in meinem Buch steht!" beteuert er.

Stephan Enter ist in den Niederlanden mittlerweile ein renommierter Autor. "Ich möchte literarisch noch viel ausprobieren, mein nächster Roman soll etwa im Stil einer Jane Austen erscheinen", kündigt er an. Eine Idee, die nicht nur bei Ursel Hebben – eine bekennende Austen-Anhängerin und eine der Projektleiterinnen des Literarischen Sommers – großen Anklang fand.

(NGZ)
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