Neuss RLT zeigt die "Jungfrau von Orléans" als moderne junge Frau

Neuss · Nun also die "Jungfrau von Orléans": Wie aber bereitet man ein Theaterstück auf, das vor Pathos fast schon trieft, dessen Titelfigur nach heutiger Psychologie in einem manischen Wahn gefangen zu sein scheint und zur Heiligen einer ganzen Nation stilisiert wurde? Warum muss man dieses Stück aus dem 18. Jahrhundert heute noch aufführen?

 Der Umgang mit Schwert will gelernt sein: Alina Wolff (l.) und Bettina Jahnke bei einer Probe.

Der Umgang mit Schwert will gelernt sein: Alina Wolff (l.) und Bettina Jahnke bei einer Probe.

Foto: Foto; M. Peters

Bettina Jahnke lacht, denkt nach und sagt schließlich: "Johanna steht für eine junge Frau, die von der Politik vor einen Karren gespannt wird." Die RLT-Intendantin aber, die bei dem Klassiker Regie führt, sieht in der Figur vor allem einen Menschen, der gradlinig verfolgt, was er für richtig hält. Den Nimbus als Nationalheilige ignoriert Jahnke, sie stellt eine junge Frau in den Fokus, die heute leben könnte und sich selbst erst erkennt, als die Liebe ihren Panzer aufbricht, sie weich werden lässt. "Schillers Johanna ist eine wahnsinnig tolle Figur, sehr brüchig, und man muss sie sehr ernst nehmen", sagt Jahnke, und so gestattet die Regisseurin ihr auch ein offenes Ende.

Schauspielerin Alina Wolff ist nach Jahnkes Lesart eine sehr moderne "Jungfrau von Orléans". Eine, die zwar ebenfalls jene Stimme hört, die Schiller ihr schon zugedichtet hat, aber dann auch merkt: Sie kommt nicht von Gott, sondern aus ihr selbst. Gleichwohl habe Gott für Johanna eine Bedeutung, während es den sie umgebenden männlichen Politikern "egal ist, ob es Gott oder was anderes ist, das die junge Frau antreibt, in den Krieg gegen England zu ziehen. Hauptsache, sie funktioniert." Denn der Krieg werde am Schreibtisch von Männern gemacht. "Fast autistisch" ziehe dagegen Johanna ihr Tun durch: "Weil sie keinen Punkt findet, an dem sie andocken kann, nicht bei Frauen, nicht bei Männern", meint Jahnke, "bis sie die Liebe entdeckt."

Auf Jahnkes Bühne gibt es jedoch kein Schlachtfeld, keinen Scheiterhaufen, kein Kriesgetöse: "Johanna ist die einzige, die eine Waffe trägt." Den Schiller-Text hat Jahnke dafür drastisch gekürzt, den fünften Akt komplett gestrichen, aber die Sprache, deren Musikalität sie fasziniert, nicht angerührt.

Info Oberstraße 95, Samstag, 4. März, 20 Uhr, 02131 269933

(hbm)