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Neuss: Richards blutige Rache

Neuss : Richards blutige Rache

Ein bisschen von dem Trash, mit dem Edward Hall die "Comedy of Errors" unterlegt hat, findet sich auch in seiner zweiten Inszenierung beim Shakespeare-Festival. "Richard III." ist auch eine Karikatur des Horrorfilmgenres.

Das Bühnenbild verheißt nichts Gutes. Überall hängen oder liegen Hammer, Sägen, Äxte oder Sicheln herum, und weil doch das blutigste Stück von Shakespeare überhaupt, nämlich "Richard III." auf dem Spielplan steht, beschleicht eine böse Ahnung das Gemüt. Regisseur Edward Hall wird doch wohl nicht ... Doch er wird. In seiner Inszenierung für die Propeller Company wird gemetzelt, dass jedes Splattermovie blass dagegen aussieht. Die martialischen Werkzeuge kommen wirkungsvoll zum Einsatz — bis hin zu herausgesäbelten Gedärmen.

Und dennoch: Die blutigen Mordszenen gehen über die plakative Ausstellung einer brutalen und gedankenlosen Gewalt hinaus. Die Exzesse haben teilweise komische Züge, auch weil sie von jemandem angezettelt werden, der irgendwann einfach nur noch unwirklich erscheint. Der Herzog von Gloster und spätere König Richard III., verkrüppelt — ihm fehlt eine Hand — und bucklig, aber ein Mann mit großem, von Bosheit und Hass genährten Ego, ist nicht einfach nur ein Schurke, sondern ein Rächer seiner selbst (wunderbar: Richard Clothier). Mit wenigen, aber deutlichen Szenen und Schnitten macht Hall klar, dass der Mann am englischen Hof ein Außenseiter ist. Bei Festen nicht gelitten, von allen verachtet wird. Er will es ihnen zeigen und sie sich alle unterwerfen.

Dass ihm dabei auch Morde unterstellt werden, die er nicht begangen hat, ist somit kein Wunder. Und wenn einer sowieso schon diesen Ruf hat — warum soll der sich darum scheren, was andere über ihn denken? Zumal Richard ein großer Manipulator ist. Das Morden ist für Halls Richard Mittel zum Zweck; eine viel größere Befriedigung empfindet er darin, andere zu seinen Verbündeten zu machen.

Und so werden ihm diverse Edelleute willige Helfer auf dem Weg zur unrechtmäßigen Thronübernahme. Sie töten selbst oder helfen, jene zu finden, die die rechtmäßigen Thronfolger umbringen und dabei auch vor Kindern nicht zurückscheuen. Wie einer nach Macht über andere giert, wie sie ihn vorantreibt und was sie mit ihm macht — das ist es, was Edward Hall an Shakespeares Richard interessiert. Und dafür hat er die richtige Mischung von komischen, beängstigenden und bewegenden Bildern gefunden. Auf seine Darsteller — nur Männer — kann er dabei nicht weniger bauen als bei seiner anderen Inszenierung die er auch im Globe zeigt ("Comedy of Errors").

Die insgesamt in recht düsteren Tönen gehaltene "Richard"-Inszenierung, für die Hall das Stück im Übrigen geschickt eingestrichen hat, wird ein bisschen heller, wenn die beiden kleinen Söhne König Edwards IV. ihren Auftritt haben. Dabei sind es nur Stabpuppen mit niedlichen Gesichtern, aber sie werden meisterlich geführt, so dass sie fast noch am menschlichsten von allen wirken.

Und während all die anderen Ermordungen in Richards Auftrag mehr und mehr zu einer Karikatur von Horrorfilmszenarien werden, ist der Tod der Puppenkinder schmerzhaft. Denn Hall findet dafür ein stilles, aber drastisches Bild: Die beiden Puppenköpfe werden eingelegt in einem großen Zylinder auf die Bühne getragen.

(NGZ)