Rhein-Kreis Neuss: Hebammen verzweifelt gesucht

Themenreport für den Rhein-Kreis Neuss vorgestellt : Hebammen verzweifelt gesucht

Die Zahl der Geburten im Rhein-Kreis steigt. Aber es mangelt an Hebammen. Die AOK Rheinland/Hamburg fordert eine digitale Hebammenzentrale.

Im Rhein-Kreis Neuss werden wieder mehr Kinder geboren: 2016 kamen 4218 Babys zur Welt. Fünf Jahre zuvor gab es 3516 Neugeborene. Das entspricht einem Anstieg um rund 20 Prozent. Dieser guten Nachricht steht allerdings eine schlechte gegenüber: Es gibt zu wenige Hebammen. „Auf eine Hebamme kommen 44 Neugeborene“, erklärt Olga Dortmann, Referentin bei der AOK Rheinland/Hamburg. „Das ist überdurchschnittlich viel.“ Gemeinsam mit ihrer Kollegin Petra Fuhrmann und Regionaldirektorin Marion Schröder stellte sie den Themenreport „Gesunder Start ins Leben“ mit den wesentlichen Statistiken für den Rhein-Kreis Neuss vor.

Etwa 90 Hebammen sind hier ambulant tätig. Sie müssen mehr Schwangere und Familien vor und nach der Geburt betreuen als im Durchschnitt des Versorgungsgebiets der AOK Rheinland/Hamburg, der bei 40 Neugeborenen je Hebamme liegt. „Deshalb wollen wir verstärkt Gespräche mit dem Rhein-Kreis Neuss führen. Denn wir brauchen dringend ein Verzeichnis über Hebammen“, sagt Schröder. „Unser Ziel ist es, dass Mütter frühzeitig erfahren, wo es freie Hebammen gibt und an wen sie sich wenden können.“

Marion Schröder (l.) und Petra Fuhrmann stellten den Themenreport der AOK Rheinland/Hamburg vor. Foto: Tinter, Anja (ati)

In Städten wie Düsseldorf oder Bochum gebe es Hebammenzentralen, erklärt Referentin Petra Fuhrmann. Sie informieren darüber, welche Hebammen Kapazitäten für die Vor- und Nachsorge haben. „Gemeinsam mit allen Beteiligten sollten wir überlegen, was entsprechend im Rhein-Kreis realisierbar wäre.“

Regionaldirektorin Schröder hat bereits eine Vision: „Der Kreis Neuss hat eine Heimfinder-App entwickelt, die von vielen anderen Kommunen angefragt wird.“ Eine digitale Hebammenzentrale als App wäre als Pendant vorstellbar, um der schlechten Versorgungssituation zu begegnen. So könne auch Familien mancher Frust beim Abtelefonieren von zahlreichen Hebammen, deren Kapazitäten erschöpft sind, erspart werden. Nicht einmal jede zweite Familie im Kreis wurde 2016 nach der Geburt zu Hause begleitet. 2013 seien es noch rund 55 Prozent gewesen, belegt Dortmann die Situation mit Zahlen.

Ob Familien von den Angeboten der Hebammen erfahren, hänge zudem sehr von der sozialen Lage ab. „Ärmere Familien werden weniger erreicht“, so Fuhrmann. Die Autoren des Themenreports haben ihre Versichertendaten nach Sozialstatus untersucht, wie stark Hebammenleistungen in Anspruch genommen werden. Danach nehmen Empfängerinnen von Arbeitslosengeld-2 beziehungsweise -1 die unterschiedlichen Leistungen wie Vorsorgeuntersuchung, Geburtsvorbereitungskurs, Wochenbettbetreuung oder Rückbildungsgymnastik am wenigsten in Anspruch. „Dabei haben alle Schwangeren einen Anspruch auf diese Leistungen und sollten gleich gut darüber informiert werden“, fordert Schröder. Niedergelassene Gynäkologen und Geburtskliniken sollten daher verstärkt als Gatekeeper fungieren, um schwangere Frauen und junge Mütter über die Angebote von Hebammen besser zu informieren.

Überwiegend Mütter sind es, die die Betreuung im ersten Lebensjahr übernehmen. Nur etwa jeder vierte Vater im Kreis geht nach der Geburt in Elternzeit. Von diesen 25,7 Prozent nehmen dreiviertel der Väter nur die beiden Partnermonate in Anspruch.

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