1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Rhein-Kreis Neuss: Anfeindungen im Tierheim nehmen zu

Gewaltandrohungen, Randale, Polizeieinsatz : Anfeindungen in Tierheimen im Rhein-Kreis Neuss nehmen zu

Für Tierheime im Rhein-Kreis gehören Anfeindungen von Besuchern und uneinsichtigen Klienten zur traurigen Normalität. Der Tierschutzbund spricht von einer neuen Dimension.

Es ist eine Quote, die das Ausmaß der Problematik besonders gut verdeutlicht. „In neun von zehn Fällen geht es nicht schön aus“, sagt Benjamin Pasternak, Leiter des Tierheims in Oekoven, das zuständig ist für alle Kommunen des Rhein-Kreises (ausgenommen Neuss und Dormagen). Konkret geht es um Situationen, in denen die Mitarbeiter der Vermittlung eines Tieres nicht zustimmen – zum Beispiel, wenn offensichtlich ist, dass sich die jeweilige Person nicht adäquat um das Tier kümmern kann.

Doch Verständnis kommt nur in den aller seltensten Fällen auf. „Dass sich gerade meine weiblichen Mitarbeiterinnen zum Teil aufs Übelste beschimpfen lassen müssen, ist leider zum Standard geworden“, sagt Pasternak, der hinzufügt: „Viele Menschen denken, dass sie ein Recht darauf haben, ein bestimmtes Tier zu bekommen – wie eine Ware hinter einem Schaufenster“, sagt der Experte, der eine Zunahme von Beleidigungen, Bedrohungen und Co. verzeichnet: „Wir haben festgestellt, dass die Coronazeit die Ellbogengesellschaft noch einmal verstärkt hat. Die Leute sind noch schneller auf 180 und pochen noch mehr auf ihr angebliches Recht.“ Es ist noch nicht lange her, da musste Pasternak sogar die Polizei rufen, weil ein Pärchen, das „Katzen gucken“ wollte, randalierte, weil es während des Lockdowns keinen Zutritt erhielt. Die Polizei erteilte den beiden dann einen Platzverweis.

 Im Tierheim in Oekoven verzeichnet man einen Anstieg der Bedrohungen.
Im Tierheim in Oekoven verzeichnet man einen Anstieg der Bedrohungen. Foto: Tierschutzverein
  • Tierheim Oekoven : „Teenie Tierheim Time“ in den Sommerferien
  • Einrichtungen im Rhein-Kreis Neuss : Tierheime befürchten Abgabewelle
  • Nach der Katze ist der Hund
    Fünf Fakten : Hundesteuer bringt Stadt Neuss jährlich 710.000 Euro

Weiteres Beispiel: Ebenfalls während des Lockdowns hat ein Vater das Eingangstor der Anlage ausgehängt, um sich und seinen Söhnen unerlaubterweise Zutritt zu gewähren. In einem anderen Fall wurde Pasternak – als er einen ausgebüxten Vogel in einem Privathaus abholen wollte – von einem Mann mit einem Stock bedroht.

Aus Sicht der Deutschen Tierschutzbundes erreicht durch das derzeitige Ausmaß der Anfeindungen in Tierheimen „eine jahrelange Entwicklung ihren vorläufigen Höhenpunkt“. Die Anspruchshaltung scheine durch die Corona-Krise und die „regelrechte Gier“ – vor allem nach Welpen – verschärft und die Menschen seien fordernder und ungeduldiger. „Wir werben um Verständnis, dass die Tierheime mit besonderer Sorgfalt im Sinne des Tieres entscheiden. Zudem kämpfen auch die Tierheime mit Pandemieauflagen, wodurch oft zusätzlicher Verwaltungsaufwand entsteht. Mal eben schnell ein Tier aus dem Tierheim kaufen, das sollte nicht der Anspruch sein“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, der betont, dass viele Helfer in den Tierschutzvereinen ehrenamtlich arbeiten, es gebe dort also weder Lockdown noch Homeoffice.

Auch im Tierheim Bettikum hat man sich längst an regelmäßige Anfeindungen gewöhnt. „Es gehört mittlerweile leider dazu“, sagt Stefanie Richter, stellvertretende Leiterin der Einrichtung, im Gespräch mit unserer Redaktion. Zu Bedrohungs-Szenarien komme es vor allem in Situationen, wenn ein Tier vom Veterinäramt des Rhein-Kreises beschlagnahmt wurde und die Halter ins Tierheim kommen, um ihren Vierbeiner zurückzuholen. „Es sind nicht immer die umgänglichsten Menschen – es hat schließlich Gründe, warum ihnen das Tier weggenommen wurde“, sagt Richter. Die Wut der verzweifelten Halter bekämen dann nicht selten die Mitarbeiter vor Ort zu spüren. Auch zu Gewalt-Androhungen sei es in diesem Zusammenhang bereits gekommen.

Ähnliches berichtet Babette Terveer, Vorsitzende des Tierheims Dormagen sowie des Tierschutzvereins „Notpfote“ mit Sitz in Rosellerheide. „Es kommt immer wieder vor, dass wir bedroht oder beleidigt werden, vor allem bei Sicherstellungen“, sagt sie. Unverständig äußert Babette Terveer ebenfalls über die Reaktion einiger Interessenten, die sich ein Tier nach Hause holen möchten, „aber beide acht Stunden lang täglich arbeiten“. Dies sei mit einem Tier nicht in Einklang zu bringen.