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Raketenstation in Neuss: Thomas Klings Geschichte auf 2700 Seiten

Raketenstation auf der Insel Hombroich in Neuss : Thomas Klings Geschichte auf 2700 Seiten

Die Gesamtausgabe der Werke Thomas Klings wurde jetzt bei einem zweitägigen Symposium auf der Raketenstation in Neuss vorgestellt.

Am vergangenen Wochenende war die Hombroicher Raketenstation nicht nur ein begehrtes Ausflugsziel. Zwischen Spaziergängern und Radfahrern waren auch Menschen zu sehen, die nach Beschäftigung aussahen. Ihr Ziel war die große Veranstaltungshalle und ein zweitägiges Symposium mit dem Titel „Worte. Und deren Hintergrundstrahlung“. Der Ort war gut gewählt, denn es ging um den Dichter Thomas Kling, der 2005 im Alter von nur 47 Jahren starb und bis dahin zusammen mit seiner Frau Ute Langanky auf der Raketenstation lebte.

Der Titel des Symposiums ist natürlich ein Kling-Zitat, aber eigentlich drehte sich alles um eine gerade fertiggestellte Gesamtausgabe seines Werks. Vier Bände im Schuber präsentieren auf 2700 Seiten beinahe alles, was zu Klings Lebzeiten veröffentlicht wurde und was Ute Langanky in dem von ihr verwalteten Kling-Archiv zugänglich machte. Die aufwändige Arbeit der Herausgeberschaft hatten sich vier Experten geteilt: An führender Stelle der Dichter Marcel Beyer, zu dessen Lebzeiten ein Freund Thomas Klings, zusammen mit Frieder von Ammon, Peer Trilcke und Gabriele Wix. Aufgrund der pandemischen Situation wurde die Tagung als Hybridveranstaltung realisiert.

  • Der Lyriker Thomas Kling (1957–2005).
    Zum Werk des großen Düsseldorfer Dichters : Dank Thomas Kling steht die Lyrik weiter unter Strom
  • Der Lyriker Thomas Kling (1957-2005).⇥Foto: imago
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  • Die Schriftstellerin Judith Hermann.⇥Foto: Michael Witte
    Auch Lesungen starten wieder : Judith Hermann kommt ins Heine Haus

Corona war auch Thema des Eröffnungsgesprächs „Kling edieren“ mit den Herausgebern. Das voluminöse Werk entstand als „Edition unter Extrembedingungen“. Man konnte sich nicht persönlich treffen, nur telefonieren oder E-Mails schreiben. Mehrere Tausend elektronische Briefe kamen so zustande, bis alle Fragen geklärt schienen. „Seit Januar letzten Jahres treffen wir heute zum ersten Mal zusammen“, sagten die vier Herausgeber und staunten selbst über die ungewöhnliche Arbeitsweise. Und auch über die dauerhaft gute Stimmung: „Es gab kein einziges Mal Knatsch“.

 Blick in das Thomas-Kling-Archiv auf der Raketenstation Hombroich.
Blick in das Thomas-Kling-Archiv auf der Raketenstation Hombroich. Foto: Stiftung Insel Hombroich

Thomas Kling selbst hatte von Anfang an einen starken Profilierungswillen. Was sich von seinem Debüt-Titel „Der Zustand vor dem Untergang“ nicht sofort verkaufen ließ, zerschnitt er, verpackte die Schnipsel in Tüten und bot sie den verdutzten Kunden einer Buchhandlung an: „500 Gramm Büchergulasch kosten 1,57 Mark“. Schnell waren die Tüten ausverkauft. „Ein Erfolg also, aber kein literarischer“, erinnerte sich Marcel Beyer. Er wies aber auch darauf hin, dass fast alle Kling-Bücher schnell vergriffen waren und dann auf dem Schwarzmarkt tolle Preise erzielten: „Insofern sind die 148 Euro für unsere Gesamtausgabe eigentlich ein Schnäppchen.“

In seiner letzten Arbeitsphase war der schwerkranke Kling dann ans Bett gefesselt. Mit Klemmbrett und Papier schrieb er tapfer weiter, freilich mit unsicherer Hand. Aber auch die vielen Tondokumente des Kling-Archivs, seine Computer-Disketten und weiteres Material wiesen Spuren der Zeit auf und verlangten sorgfältige Bearbeitung. Ute Langanky gratulierte zum Resultat: „Ich bin unglaublich beglückt aufgrund dieser editorischen Arbeit.“

Auf dem Gelände der Raketenstation war von der jährlichen Wespenplage noch nichts zu sehen. Für Thomas Kling waren diese Insekten emblematische Freunde. Ob er deshalb so häufig einen schwarz-gelb streifengemusterten Pullover trug? Sicher ist, dass diese Tiere mit ihren unruhigen Bewegungen, bei deren Auftauchen man unwillkürlich Obacht gibt, in seinen Texten häufig gewürdigt wurden: „Aus Wespenhälsen schwappts Stich Wort aufs Stichwort, schwappts Gestichel“, das gefiel ihm besonders. Sogar im Echtermeyer, der die deutsche Lyrik kanonisiert und Thomas Kling mit drei Texten würdigt, tauchen sie auf: „Im Wespenmonat schießen sie den Vogel ab.“