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Dreikönigenviertel: Quartier trifft sich in der Küche

Dreikönigenviertel : Quartier trifft sich in der Küche

Als Zwölfjähriger kam Dyamiel Meghaoui ins Dreikönigenviertel. Seit zehn Jahren betreibt er mit seiner Frau Dyamiela die „Hobbyküche“, die sich vor allem mittags zum Treffpunkt für die Viertelbewohner entwickelt hat.

neuss Sie heißen Dyamiel und Dyamiela, aber vermutlich weiß kaum einer ihrer vielen Essensgäste, wie sich die beiden aus der „Hobbyküche“ schreiben, geschweige denn wie sie mit Nachnahmen heißen. Dabei steht dieser - Meghaoui - sorgsam geschrieben auf dem Klingelschild an ihrer Wohnungstür, die auf die Gasse zum Kindergarten Hl. Dreikönige führt. Wohnen und Arbeiten in einem Haus - „Dschamell“ und „Dschamella“, wie sie gerufen werden, haben sich mit ihrem Pizza- und Mittagstisch-Angebot an der Bergheimer Straße einen Traum erfüllt.

Kindergarten und Schulen liegen in Laufnähe; Elias (7) besucht die Grundschule um die Ecke; Nabil (17) geht zum Humboldt-Gymnasium - auch nur ein Katzensprung vom Zuhause entfernt - und spielt in seiner Freizeit Fußball. Natürlich bei DJK Rheinkraft. Nur Sumayya (12) geht in Reuschenberg zur Schule. Zwei Häuser weiter gibt es einen Bäcker, einen Kiosk, an der Ecke eine Apotheke und um die Ecke herum den Hausarzt. „Warum also sollen wir hier jemals weggehen?“, fragt Dyamiel, der gebürtige Düsseldorfer mit deutsch-algerischen Wurzeln. Rein rhetorisch natürlich.

Denn der 51-Jährige wohnt seit seinem 12. Lebensjahr im Dreikönigenviertel; seit er nach der Scheidung der Eltern mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern nach Neuss kam. Mutter Ursula hatte an der Bergheimer Straße eine Gaststätte übernommen, die sie „Zum Hobbywirt“ nannte. „Was genau passte“, sagt Dyamiel lachend. Er ist in der Wohnung über der Kneipe aufgewachsen, hat schon als Kind nur zu gerne in der Küche in die Töpfe geschaut und sich die Leidenschaft fürs Kochen bewahrt.

Denn als seine Mutter die Kneipe aufgab, stattdessen nur wenige Häuser weiter gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Belmino Sanstos Mendes eine Geschäft für portugiesische Spezialitäten aufmachte, kaufte Dyamiel sein einstiges Zuhause und baute es im Sinne des Wortes eigenhändig für seine eigene Familie um. Denn inzwischen hatte er Dyamiela kennengelernt, die als Zehnjährige mit ihren Eltern aus Marokko kam und in Weckhoven wohnte. 1993 haben die beiden geheiratet, mit Nabil und Sumayya sind sie 2000 in ihr neues Zuhause gezogen.

„Eigentlich wollte ich eine kleine Pizzeria“, sagt der Familienvater und lacht. Aber weil seine Frau (43) ebenfalls gerne kocht und mittags ein oder zwei Gerichte zum Mitnehmen anbot, wurde daraus nichts. Pizza backt der 51-Jährige zwar auch - vor allem abends -, aber mittags hat sich die „Hobbyküche“ zu einem Treffpunkt für das halbe Viertel entwickelt. Da kommt der Geschäftsmann ebenso wie die Nachbarin und holt sich Gulasch mit Kartoffeln oder was sonst auf der Speisekarte steht. Taxifahrer, Handwerker, die Kindergartenmutter auf dem Weg nach Hause - die Besucher der „Hobbyküche“ bilden einen Mikrokosmos von Menschentypen.

„Man kennt sich“, sagen Dyamiel und Dyamiela - und man kümmert sich. Die alte Nachbarin, die fast jeden Mittag kam und schon einen Stammplatz am Stehtisch reklamierte, dann aber ins Altenheim musste, wurde von den beiden selbstverständlich besucht. Und wenn jemand sich das Essen nicht holen kann, bringt Dyamiel es eben schnell hin.

Denn die Weg sind kurz im Dreikönigenviertel. Gleichgültig, ob man diesseits oder jenseits der Bergheimer oder Jülicher Straße wohnt, die das Viertel teilt. Stadtgarten mit Weiher und Spielplatz, der Botanische Garten sind Oasen für Auge und Seele. Und alles was der Mensch sonst noch braucht, liegt vor der Tür. Trotz so mancher Straße, die heute Verkehrsader ist, hat das Viertel sich seinen ursprünglichen Charakter als Wohngebiet bewahrt. Nach wie vor sind etliche Wohnhäuser in Familienbesitz. Das Dreikönigenviertel liegt mitten in der Stadt, aber ist doch ein autonomes Stück Neuss.