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Theater am Schlachthof in Neuss: Pracht vom Sperrmüll

Theater am Schlachthof in Neuss : Pracht vom Sperrmüll

Tom von Döllen ist Kostümbildner und arbeitet seit kurzem am Theater am Schlachthof. Er entwirft und näht selbst und greift oft auf Stoffe zurück, die vom Trödelmarkt oder vom Sperrmüll stammen.

Zwei Dinge dürfen in seinem Umfeld nicht fehlen: Nutella und eine Kaffeemaschine. Beides sind wohl auch Requisiten, die er nicht abgeben würde — so großzügig Tom von Döllen auch sonst reagiert, wenn er für die Ausstattung eines Theaterstücks mit Schätzen aus dem eigenen Bestand aushelfen muss.

Der Kostümbildner arbeitet am Theater am Schlachthof und ist ein Glücksfall für das Haus. Passt er doch in seiner Einstellung bestens zu dem Team um Geschäftsführer Reinhard Mlotek, das die Bühne fast schon in Selbstausbeutung betreibt, und gibt dem Haus als Künstler zudem ganz neue Impulse. Wer die Musikproduktion "Cosi fan tutte — So machen's alle" in der vergangenen Saison gesehen hat, dürfte ob der prächtigen Rokoko-Kostüme im TaS nicht wenig gestaunt haben. Denn so viel Pracht und Authentizität ist eher selten dort zu sehen und führt mit Blick auf den knappen Etat der freien Bühne auch gleich zu der Frage: Wer kann das bezahlen?

Tom von Döllen winkt ab. Nicht, weil Geld für ihn unwichtig ist, aber die künstlerische Arbeit des TaS ebenso wie der Umgang der Mitarbeiter miteinander haben ihn schon beim ersten Kontakt im vergangenen Jahr so begeistert, dass er auch gleich in den Trägerverein "Eigenart" eingetreten ist. Außerdem ist es ihm wichtig, dass, wenn er etwas macht, "es auch richtig gut macht". Also rechnet er scharf, und wenn es nicht reicht, steuert er eben Stoffe und Material aus dem eigenen Fundus bei.

49 Quadratmeter seiner 50 Quadratmeter großen Düsseldorfer Wohnung sei damit zugestellt, sagt er lachend, denn wo immer der 35-Jährige auf einem Trödelmarkt oder Sperrmüll etwas sieht, das ihm eines Tages nützlich sein könnte, nimmt er es mit. Wie die alte Schustermaschine von Singer aus dem 1885, für die er den Unterbau selbst gemacht hat, oder den rostigen Jugendstilgaskamin, der heute im knalligen Rot und feinem Dekor beeindruckt. Beide Schätzchen stehen hinter der Bühne im Theater am Schlachthof, wo Tom von Döllen zurzeit mit Hochdruck an den Kostümen für die Produktion "A Night in the Opera" arbeitet.

Als Zwölfjähriger hat der gebürtige Kölner zum ersten Mal an der Nähmaschine gesessen. Für die Kostüme von Mozarts "Zauberflöte", die Tom von Döllen zusammen mit einigen Freunden von der Schule in einem Lager des elterlichen Kunst- und Antiquitätengeschäftes in Bad Münstereifel aufführen wollte. "Die Königin der Nacht" hatte es ihm als kleiner Junge bei einer realen Aufführung im Kölner Opernhaus so angetan, dass er beseelt davon war, ähnliches zu schaffen: "Den Justeaucorps, den edlen langen Gehrock eines Mannes, habe ich aus einem alten Hausmeisterkittel geschneidert", erinnert er sich lachend.

Die Begeisterung für die Arbeit des Kostümbildners wurde durch ein über einjähriges Volontariat an den Bühnen der Stadt Köln noch gefestigt, hat danach Seitensprünge wie das Studium zum Modedesigner oder die Arbeit als Gastronom in Düsseldorf überstanden und sich 2002 dann so verstetigt, dass für Tom von Döllen nichts anderes mehr in Frage kommt. Vertane Zeit waren die anderen Beschäftigungen für ihn dennoch nicht: "Ich kann zwischendurch auch mal gut eine Pause einlegen und etwas anderes machen."

Allerdings hofft er nun darauf, am TaS fest angestellt zu werden. "Ein Theater, das 18 Produktionen im Jahr herausbringt, braucht einen festen Kostümbildner", findet er. Und er selbst hat sich das Ziel gesetzt, mit steter Präsenz "die unterschätzte Bedeutung von Kostümen" ins Gegenteil umzukehren. Die wenigstens Zuschauer wüssten, wie viel Arbeit in einem Kostüm stecke, denn es müsse zum "Charakter des Stücks passen, aber der Schauspieler sich darin auch wohlfühlen". Zum ersten Mal übernimmt Tom von Döllen jetzt auch die Aufgaben eines Bühnenausstatters: Für "A Night in the Opera" hat er das Mobiliar schon parat; die Bühne wird derzeit hergerichtet.

Immerhin aber wird er mit seinem und dem Theater-Fundus samt Nähmaschinen demnächst in eine eigene Werkstatt ziehen. Mit Hilfe des Bauvereins und Modernes Neuss bekommt das TaS an der Blücherstraße zusätzliche Räume und eine Künstlerwohnung für Regie- und Schauspielgäste gestellt.

(RP)