Postkarte: 100 Jahre alte Grüße aus Neuss

Postkarte aus Neuss : 100 Jahre alte Grüße aus Neuss

Günther Klebes sammelt Postkarten. Dabei stieß er auf ein Exemplar, das den Neusser Bahnhof im Jahr 1920 zeigt. Für ihn ist es ein besonderes Fundstück.

Sie ist beinahe 100 Jahre alt und schon weit gereist: Als ein Schreiber vor vielen Jahren Grüße in die Gemeinde Dürmentingen in Baden-Württemberg versenden wollte, entschied er sich für eine Postkarte mit Neusser Motiv. Das alte Bahnhofsgebäude ist darauf zu sehen, hinter bepflanzten Beeten lassen sich links und rechts die Gleise erahnen. Die Szene wirkt idyllisch, die Sonne leuchtet zur Abendstunde, auf dem Vorplatz ziehen gut gekleidete Herren dem Eingang entgegen.

Die Postkarte befindet sich seit kurzem im Besitz von Günther Klebes. Der 70-Jährige aus Erlangen ist Eisenbahnfan. „In meiner Schulzeit bin ich immer mit der Bahn gefahren“, erzählt er, „manchmal durfte ich auch in der Lok sitzen. Dann hat mich der Virus gepackt.“ Seitdem sammelt Klebes alles rund um das Fortbewegungsmittel: Postkarten von Zügen und Bahnhöfen, Briefmarken, eigene Fotografien, Telefonkarten, Modellbauten – sogar einige Uniformen sind in seinem Besitz. „Ich beschränke mich allerdings auf den deutschsprachigen Raum“, erzählt er, „ansonsten würde es bald Überhand nehmen.“

Zu seinem Hobby gehört es auch, dass er Tauschbörsen im Internet nach Neuheiten durchforstet. Auf einer luxemburgischen Internetplattform stieß er dann auf jene Karte aus Neuss. Sie stammt aus dem Jahr 1920 und zeigt den Bahnhof vor seinem Umbau. „Es ist eine herrliche Ansicht“, sagt er. Das Besondere: Der Neusser Bahnhof ist ein sogenannter Inselbahnhof. „Das kommt nicht so häufig vor, normalerweise steht das Empfangsgebäude an einer Seite. Bei Inselbahnhöfen, steht das Gebäude wie eine Insel zwischen den Gleisen.“ Und obwohl der Sammler inzwischen mehr als 600 Exemplare gesammelt hat, sei diese Ansicht für ihn eine Besondere.

„Erstaunlich fand ich auch, dass der Anbieter eine Adresse in Südafrika hatte“, erklärt Günther Klebes. Wie die Karte zunächst von Neuss nach Baden-Württemberg und dann nach Südafrika gekommen ist, darüber kann der Sammler nur spekulieren. „Vielleicht ist der Empfänger ausgewandert“, sagt er. „Vielleicht wurde ein Bündel alter Postkarten nach einer Haushaltsauflösung aber auch an einen Händler verkauft, der die Karten über das Internet vermarktet. Das weiß ich aber nicht.“

Weil er der einzige Bieter war, konnte er die Wunschkarte auch noch zu einem Preis von 1,50 Euro erwerben – ein „echtes Schnäppchen“, sagt der Fachmann. „Das ist eigentlich viel zu billig.“ Er wäre normalerweise bereit gewesen, dafür bis zu fünf Euro auszugeben; „es ist eine selten angebotene Karte“. Letztendlich zahlte er insgesamt dann doch fünf Euro für seine Bestellung. Hinzu kam das Porto für einen eingeschriebenen Auslandsbrief. Es gebe aber auch Philokartisten, die einen zweistelligen Betrag für eine Ansichtskarte ausgeben würden.

Seine Sammelwut in Sachen Bahn-Postkarten ist übrigens kein Einzelfall: „Es gibt sogar eigene Ausstellungen für Eisenbahn-Philatelisten“, sagt Klebes. Sein Hobby beschränkt sich aber nicht nur auf das Sammeln von Eisenbahnartikeln. Günther Klebes arbeitet ehrenamtlich in der Bahnhofsmission und fährt selbst leidenschaftlich gerne Bahn. Seine Hochzeitsreise hat er vor 36 Jahren mit dem Glacier-Express von St. Moritz nach Zermatt angetreten. Viele Reisen führten ihn auch nach Nordrhein-Westfalen. „In Neuss war ich allerdings noch nie“, erzählt der 70-Jährige und lacht.

Dafür komplettiert nun eine alte Bahnhofsansicht aus Neuss seine Sammlung.

(ubg)
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