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Neuss: "Postelinger Hüser" als Wiege des Viertels

Neuss : "Postelinger Hüser" als Wiege des Viertels

Mit einer Führung durch das Dreikönigenviertel begann am Samstag die Reihe "Neusser Kanten" von Neuss Marketing. Die 30 Teilnehmer erlebten, wie sehr sich ein Stadtteil in rund 100 Jahren verändern kann.

"Hier wurde mein Frau geboren", erinnert sich ein Teilnehmer. Ein anderer erzählt: "Ich habe früher immer Fahrscheine in der Straßenbahn gesammelt." Auch derart persönliche Erinnerungen sorgten am Samstag bei der Auftaktveranstaltung der Tourenreihe "Neusser Kanten" für einen umfassenden Einblick in die Geschichte des Dreikönigsviertels, ließen sie lebendig werden. Ein vielversprechender Start für diese Reihe von Stadt(teil)führungen, die auf Ortskundige aus dem Quartier setzt.

Die von Neuss Marketing organisierte Reihe "Neusser Kanten" knüpft an die "Neusser Ecken" im vergangenen Jahr an. "Das war ein voller Erfolg, alle unsere Touren waren ausgebucht", sagt Steffi Lorbeer (34). Wurde bei den "Ecken" noch thematisch gegliedert, soll es nun um die einzelnen Stadtteile gehen.

Den Auftakt machte am Samstag das Dreikönigenviertel. In etwas mehr als einem Jahrhundert hat sich das Viertel vollkommen verändert. Im 19. Jahrhundert konnte man noch nicht einmal von einem Viertel sprechen. Damals befanden sich etwa 40 Höfe auf dem Gebiet.

Erst im Jahr 1901 schlug die Geburtsstunde, als die Ölmühle Thywissen beschloss, die "Postelinger Hüser" als Wohnungen für ihre Arbeiter zu bauen. Heute ist das Gebiet zwischen Nordkanal, Bahnstrecke und Obererft dicht besiedelt, hat eine Bahnstation und beherbergt fünf Schulen. "Das Herzstück ist aber nach wie vor die Dreikönigenkirche", sagte Frank Kurella gleich zu Beginn. Die war am Samstag Start- und Zielort.

Kurella ist in dieser Pfarre aktiv. Genau so wie Dieter Hoevels und Klaus Spickernagel. Alle drei führten die 30 Teilnehmer durch "ihr" Viertel. Dieter Hoevels wohnt seit 1937 im Dreikönigenviertel. Er erlebte damals auch ein kurioses Ereignis, von dem heute kaum einer weiß: "1939 stürzte ein Flugzeug der Wehrmacht in das Eckhaus gegenüber der Kirche." Die Zeitung durfte über dieses Missgeschick der Wehrmacht nicht berichten, denn in der NGZ standen dazu gerade einmal vier Zeilen, erinnert er sich. Über die Ursache wurde nur gemunkelt. Entweder flog der Pilot zu tief, um seine Liebste zu grüßen, oder um seiner Mutter einen Wäschesack abzuwerfen. Dabei geriet er wohl ins trudeln — so die Gerüchte.

Gesichert hingegen ist, dass die Dreikönigenkirche 1911 als dritte Kirche im damaligen Neuss gebaut wurde, weil die Zahl der Katholiken stark anstieg. Die Kirche überstand den Krieg, genau wie 70 Gebäude, die heute unter Denkmalsschutz stehen. Verloren gegangen ist in den 1960er Jahren aber die Straßenbahn. Damals endete die Linie 3 an der Haltestelle Eichendorfstraße, die sie am 4. Mai 1963 zum letzten Mal ansteuerte.

Wo früher ihre Wendeschleife war, ist heute ein Spielplatz. Immer wieder machen die Teilnehmer Fotos, schließlich gehört auch ein Fotowettbewerb zu der Veranstaltung. Auch Erika Römer hat ihre Kamera mit. Die 68-Jährige war 2012 zusammen mit ihrem Mann bei jeder Tour der Neusser Ecken. "Ich habe viel gelernt und viel Spaß gehabt", sagt sie. Deswegen will sie jetzt auch die Touren "Neusser Kanten" mitmachen.

(NGZ/EW)