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Neuss: Polizei-Notruf wird zur Haus-Klingel

Neuss : Polizei-Notruf wird zur Haus-Klingel

Bei Familie Plath sucht man den Klingelknopf vergeblich. Besucher ziehen dort den Hebel für den Polizeinotruf.

Wer zum ersten Mal vor der Haustür von Helmuth Plath und seiner Mutter Gerda am Lindenplatz in Weckhoven steht, ist verwundert: Neben dem obligatorischen Klingelknöpfchen hängt dort an der Außenwand eine Polizeinotrufsprechstelle aus den 1960er Jahren. Wo einst ein Schild darauf hinwies, dass es sich um eine Säule der Polizei handelte, prangt jetzt der Nachname der Hausbewohner.

"Hebel kurz ziehen und auf Meldung warten", lautet die Anweisung für Besucher. "Ist das passiert, klingeln bei uns im Haus alle Telefone — in jedem Raum steht eins", sagt Helmuth Plath. Der 41-jährige Bastler arbeitet als Servicetechniker für Leitstellen bei der Firma Siemens und wollte schon immer eine besondere Gegensprechanlage haben. "Eine handelsübliche Türsprechstelle kann jeder kaufen, das ist keine Herausforderung für mich", sagt er. "Ich bin schon allein durch meinen Beruf technisch interessiert und wollte etwas Besonderes."

Als Plath auf einem Trödelmarkt endlich fündig wurde, sträubte sich seine Mutter zunächst gegen die Idee, in Zukunft eine Polizeinotrufsprechstelle an ihrem Haus hängen zu haben. "Das hat mich nicht davon abgehalten, das alte Schätzchen zu restaurieren und nach meinen Bedürfnissen umzubauen", erzählt der passionierte Heimwerker. Das alte Innenleben des Geräts musste weichen und wurde durch ein neues, modernes ersetzt. War die Sprechstelle einst polizeigrün, ist sie jetzt feuerwehrrot — ein Symbol für Plaths Verbundenheit zur Neusser Feuerwehr, bei der er ehrenamtlich aktiv ist. Früher führten die Notrufsäulen, die beinahe mannshoch waren, zur Feuerwehr und zum Rettungsdienst. Heute sind diese Notrufstellen — in einer Zeit, in der beinahe jeder Mensch ein Mobiltelefon hat — nicht mehr zeitgemäß und auch nicht üblich. "Aber an Polizeidienststellen, die nicht rund um die Uhr besetzt sind, lassen sie sich immer noch zu finden", erzählt Plath.

Mittlerweile hängt die kreative Türsprechanlage bereits ein Jahr am Haus der Plaths und auch Gerda Plath weiß sie mittlerweile zu schätzen: "Wenn jemand klingelt, geht ein Gruppenanruf auf alle Telefone. Dann kann ich entscheiden, ob ich die Tür öffne oder nicht", erzählt die Seniorin. Hin und wieder komme sogar der Paketdienst bei ihnen vorbei, um zu klingeln, obwohl er keine Lieferung für Mutter und Sohn hat. "Unfug wird aber selten betrieben. Vielleicht schreckt der Kasten auch ab — das ist in dann ein positiver Nebeneffekt", sagt Helmuth Plath. Ablehnung habe er noch nicht erfahren. "Die meisten meiner Freunde sagen, dass so etwas typisch für mich ist. Es ist ja auch etwas besonderes", sagt Plath. Denn nichts mag der Weckhovener weniger als Langeweile, viele Hobbys hat er, unter anderem ist er der Frontmann der Band "Stur" mit der er Kölsch-Rock spielt und zeigt, dass Mundart auch ohne Karneval funktioniert. Und wer bei ihm anklingelt, der weiß sofort, dass er bei einer ganz besonderen Familie angekommen ist.

(NGZ/rl)