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Neuss: "Patienten müssen zu lange warten"

Neuss : "Patienten müssen zu lange warten"

Im Gespräch auf dem blauen NGZ-Sofa diskutierte AOK-Regionaldirektorin Marion Schröder mit NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten über Mängel im Gesundheitssystem, Anforderungen an die Gesundheitspolitik und den Stand der Krankenversorgung im Rhein-Kreis Neuss.

Frau Schröder, viele Patienten klagen über lange Wartezeiten in Facharztpraxen und darüber, dass Privatpatienten deutlich bevorzugt werden.

Marion Schröder Es ist schlimm, dass inzwischen in einigen Facharztpraxen schon beim Anruf des Patienten selektiert wird: Ist er ein Privatpatient, schaltet sich eine Angestellte ein, der gesetzlich Versicherte kommt in die Warteschleife. Ein seltsamer Einstieg für den Erstkontakt eines gesetzlich Versicherten mit einem Kassenarzt.

Sie haben die Wartezeiten für Kassenpatienten untersucht?

Schröder Wir haben im Juni mit über 800 Anrufen in Facharztpraxen im gesamten Rheinland die Wartezeiten getestet.

Das Ergebnis ...

Schröder ...die Gesamtergebnisse werden in den nächsten Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt. Soviel vorweg: Die gesetzlich Versicherten warten viel zu lange auf Termine mit Fachärzten. Die Durchschnittswerte im Rheinland liegen zwischen 38 bis 90 Tagen Wartezeit.

Ein neues Gesetz verspricht Besserung?

Schröder Es gibt einen Referenten-Entwurf für ein neues Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstruktur in der gesetzlichen Krankenversicherung. Wir finden darin aber keine Vorschrift mehr, dass sich die Abläufe im Medizinbetrieb für den Patienten tatsächlich spürbar verbessern. Was die Menschen brauchen, ist ein schneller Zugang zu den Anbietern ärztlicher Leistungen und Mediziner, die sich Zeit für die realen Bedürfnisse der Patienten nehmen. Mehr Geld hilft nicht weiter.

Liegt es am fehlenden Geld?

Schröder Nein, es ist genügend Geld im Medizinbetrieb vorhanden.Die Medizin liefert mehr als benötigt wird. So etwa für rund 30 Prozent der Medikamente ohne oder mit geringem therapeutischen Nutzen. Hinzu kommen unnötige Ausgaben für Doppeluntersuchungen.

Sie sagen, wir haben genügend Geld und genügend Ärzte. Was muss sich denn ändern?

Schröder Wir brauchen eine patientenorientierte Versorgungssteuerung. Dafür brauchen wir pragmatische Lösungen vor Ort und realitätsorientierte Politiker die dafür sorgen, das die Patienten für hohe Beiträge gute Leistungen erhalten.

Trotz einer ausreichenden Zahl an Ärzten gibt es Unterversorgung. In Jüchen ist eine Allgemeinmediziner-Stelle bereits lange unbesetzt, in Dormagen haben Facharztpraxen geschlossen...

Schröder Die notwendige Anzahl der Ärzte wird für eine Region, das heißt für den gesamten Rhein-Kreis Neuss nach der Einwohnerzahl ermittelt. In welcher Stadt oder Gemeinde die Ärzte ihre Praxis eröffnen, bleibt ihnen überlassen. Zieht es Mediziner in attraktive Regionen, z.B. nach Neuss, nehmen sie in der Regel ihren Kassensitz mit. Das bedeutet, dass es zwar im Rhein-Kreis Neuss genügend Fachärzte gibt, aber gegebenenfalls nicht in anderen Gebieten. Wir würden uns wünschen, dass die Versorgungssteuerung in der regionalen Ebene des Wohnumfeldes des Patienten erfolgt und dabei der berechtigte Bedarf der dort wohnenden Menschen berücksichtigt wird.

Welche Hilfestellungen bieten Sie ?

Schröder Wir bieten unseren Versicherten zum Beispiel ergänzende Beratung durch Spezialisten in besonders schwierigen und lebensverändernden Erkrankungen oder wir vermitteln auf Wunsch einen schnellen Arzttermin. Auch die individuelle Begleitung unserer Krebspatienten steht im Mittelpunkt unserer Serviceleistungen.

Frau Schröder, wie beurteilen Sie die medizinische Versorgung im Kreis?

Schröder Ich bin seit elf Jahren im Rhein-Kreis und in dieser Zeit auf keine Probleme gestoßen. Die Versorgung ist hervorragend! Facharzthäuser sind ein großes Thema.

Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Schröder Kurze Wege für den Patienten sind gut, Schnittstellen können vermieden werden. Behandlungsverrichtungen können jedoch auch durch ein dichtes Ärztenetz zunehmen., Privatpatienten spüren das heute schon. Fachärzte in oder an einem Krankenhaus, deren Leistungen als Ergänzung zum Spektrum des Krankenhauses erbracht werden, sehe ich positiv.

Letztes Thema: Kunstfehler. Wie gehen Sie damit um?

Schröder Bei Ansprüchen auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld klären wir unsere Versicherten auf und stehen vermittelnd zur Seite. Wir unterstützen bei der Beschaffung von Unterlagen, vermitteln Kontakt zu Patienteninitiativen und Selbsthilfegruppen und helfen bei der Suche nach Spezialisten im Arzthaftungsrecht. Seit 1998 haben wir im Rheinland 10 700 Kunstfehler-Fälle mit einer Regress-Summe von 24,3 Millionen Euro begleitet.

Klaus D. Schumilas fasste das Gespräch zusammen.

(NGZ/rl)