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Neuss: Partnerstadt St. Paul zittert bei minus 35 Grad

Neuss : Partnerstadt St. Paul zittert bei minus 35 Grad

Die Schule fällt aus, Autos bleiben liegen, Hunde brauchen Pfotenschutz: Eine Familie aus Minnesota berichtet aus der Kälte.

An einen derart kalten Winter kann sich Cora-Rose Michel nicht erinnern. "Es ist so kalt, dass man es sich nicht vorstellen kann", sagt die Zehnjährige, die mit ihrer Familie in der Neusser Partnerstadt Saint Paul in Amerika lebt. Dort verbucht man zurzeit Rekord-Minustemperaturen. "Offiziell sind es etwa minus 35 Grad, gefühlt aber minus 50 Grad Celsius", berichtet ihre Mutter Linda Michel. "Das ist sehr gefährlich, weil die Haut gefrieren kann, wenn sie nicht abgedeckt ist." Vorteil für die Kinder: Sie haben deshalb schulfrei und dadurch die Weihnachtsferien verlängert bekommen. "Und viele Firmen haben ihre Mitarbeiter gebeten, wenn möglich, von zu Hause zu arbeiten."

Ein T-Shirt gefriert draußen in weniger als zwei Minuten. Foto: Linda-Rose Michel

Linda Michel ist die Vorsitzende des Partnerschaftskomitees in der amerikanischen Partnerstadt St. Paul und war schon mehrfach in Neuss. Ihre Tochter, die auf eine deutsche Schule geht, ebenfalls. Daniela Tillenburg vom Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Repräsentation der Stadt Neuss steht mit der Familie in regelmäßigem Kontakt, ebenso mit anderen Bekannten in St. Paul. "Sie erzählen, dass sie seit Jahrzehnten nicht mehr einen so schlimmen Winter hatten wie jetzt", berichtet Tillenburg.

Das bestätigt Linda Michel: "Ich bin zwar auf dem Land aufgewachsen, wo es grundsätzlich kälter ist als in der Stadt. Aber auch für uns sind das jetzt Ausnahmetemperaturen. Wenn man einatmet, ist das ein Schock für die Lunge." Frisch gewaschene Wäsche sei bei der Eiseskälte draußen in weniger als zwei Minuten gefroren.

Autofahrer ohne eigene Garage haben Pech, weil dann meistens die Wagen nicht mehr anspringen. "Es kann auch vorkommen, dass die Benzinleitungen unterwegs einfrieren." Mehrere schwere Unfälle habe es bereits gegeben, insbesondere durch Glatteis, das nicht immer rechtzeitig zu erkennen sei. Auf den nahe gelegenen Seen sei es zurzeit wegen sehr hoher Wellen ebenfalls gefährlich. "Trotzdem gab es einige verrückte Surfer, die mit einem Surfboard ins Wasser gegangen sind." Auch die Tiere hätten unter den niedrigen Temperaturen zu leiden. "Weil sich die Hunde an dem kalten Boden die Pfoten verletzen würden, muss man ihnen Söckchen anziehen, ehe man mit ihnen nach draußen geht", berichtet Michel.

In den Häusern sei es noch gut auszuhalten. "Wir wohnen zwar in einem Holzhaus, haben es aber die letzten Jahre gut gedämmt." Die Heizung schaffe es deshalb, die Räume zu erwärmen. "Nur morgens ist es sehr kalt." Die Lebensmittel reichten auch. "Wir haben rechtzeitig eingekauft, weil die Kältewelle ja angekündigt worden war", sagt Michel. "Im Supermarkt waren viele Regale aber fast leer, das habe ich noch nie erlebt."

Der Lichtblick: "Es ist zwar kalt, aber die Sonne scheint am blauen Himmel." Hierin unterscheide sich der Winter in St. Paul von dem im Rheinland. "Die Winter, die ich aus Neuss kenne, waren grau und mit Nieselregen", berichtet die Amerikanerin, die wie ihre Tochter fließend Deutsch spricht. Die nächsten Tage soll es wärmer werden: nur noch minus 18 Grad Celsius. Michel scherzt: "Das ist ja fast eine Hitzewelle."

(NGZ)