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Neuss: Othello ist ein Rapper

Neuss : Othello ist ein Rapper

Zum Abschluss des Shakespeare-Festivals brachten die Q-Brothers aus Chicago das Globe an der Rennbahn zum Beben – mit "Othello: The Remix". Sie lieferten eine grandiose HipHop-Bearbeitung des Dramas ab.

Zum Abschluss des Shakespeare-Festivals brachten die Q-Brothers aus Chicago das Globe an der Rennbahn zum Beben — mit "Othello: The Remix". Sie lieferten eine grandiose HipHop-Bearbeitung des Dramas ab.

Aus Sicht des Zuschauers kann es gar nicht schlimmer kommen. Aus Sicht des Veranstalters dagegen nicht besser. Da geht ein tolles Theaterfestival zu Ende, und ausgerechnet zum Schluss gibt es noch einmal eine Inszenierung, die es erst recht schwer macht, erneut ein Jahr zu warten, bis sich im Globe die Theatertruppen aus aller Welt wieder die Klinke in die Hand geben.

"Othello", dieser Mann, der seine geliebte Desdemona in wilder Eifersuchtsraserei tötet, weil er den Worten Jagos glaubt, der Desdemona ein Verhältnis mit Cassio andichtet, ist in der Bearbeitung der Q-Brothers aus Chicago eine Größe in der HipHop-Szene. MC Othello hat es geschafft, sich aus den Slums herauszuarbeiten, verliebt sich in die Sängerin Desdemona, heiratet sie gegen den Willen ihres Vaters und geht mit ihr samt seiner Crew mit dem Pop- und Glamour-Rapper Cassio und dem HipHop-Hardliner Jago auf Tour.

Ob Feldherrn-Lager vor 400 Jahren oder Musikszene von heute — diese Geschichte über Eifersucht und Macht, über Treu und Glauben, über Verblendung und die Lust an der Zerstörung funktioniert, solange sie schlüssig umgesetzt ist. Bei den Q-Brothers ist die ganze Geschichte ein einziger Rap, mal rhythmisch hart, mal poetisch sanft. Ein Sprechgesang in Reimen, für den Jackson Doran, GQ, JQ und Postell Pringle alle Rollen übernehmen, wobei sich Spiel und Erzählung in der dritten Person fast die Waage halten. Desdemona gibt es nur als Stimme; die Kurtisane Bianca und Jagos Frau Emilia sind anwesend, wenn sich JQ und Jackson Doran einen Rock mit Kette anhängen und eine Perücke aufsetzen.

Wenn das Quartett samt DJ Clayton Stamper aus "Othello" lediglich eine Musikaufführung gemacht hätte, wäre das Ganze zwar mitreißend, aber vielleicht auch ein wenig belanglos. Aber alle sind sie auch Schauspieler und zeigen in den Schlüsselszenen eine Ausstrahlung, die fast atemlos macht. Wenn GQ als Jago sich in seine Rolle als Marionettenspieler hineinsteigert und die anderen sich dazu genau wie Puppen an Fäden bewegen; wenn Postell Pringle als Othello vor Eifersucht rasend wird, Desdemona mit dem Kissen erstickt und dann Musik und Rap schlagartig verstummen; wenn er erkennt, dass alles nur eine Intrige war, sein Cap (die Insignie des Rappers schlechthin) auf dem Boden ablegt und ein Donnerknall die Bühne verdunkelt — dann glaubt man, in einem Bann gefangen zu sein. Wie diese Vier im Overall mit so wenig Mitteln so intensive Momente erschaffen können! Und weil sie zudem auch das Komische in der Tragödie sehen, ist die gesamte Aufführung rundum ein echtes Glanzstück.

(NGZ/url)