Neuss: "Opfersuche" im Finanzamt

Neuss : "Opfersuche" im Finanzamt

Übung für den Ernstfall: Auf dem Abbruchgelände des ehemaligen Finanzamtes Neuss I trainierte jetzt auf Einladung der Neusser Bauverein AG eine Rettungshundestaffel der internationalen Katastrophenhilfe I.S.A.R den Ernstfall.

Auf dem Glas der früheren Eingangstür sind die Öffnungszeiten noch zu lesen. Von der Seite allerdings bietet das ehemalige Finanzamt Neuss I an der Schillerstraße im Anschnitt einen Blick in alle acht Geschosse des Hochhauses. Gleich daneben türmt sich eine riesige Abraumhalde auf. Frauen und Männer in Sicherheitskleidung durchkämmen mit ihren Hunden die Ruine und das sie umgebende Gelände. Plötzlich ertönt Hundegebell, das vom Echo im leeren Gebäude noch verstärkt wird: Riesenschnauzer "Porthos" hat hinter einer alten Badewanne "Opfer" Markus Krämer entdeckt. "Gut gemacht", lobt Hundeführerin Susanne Martin-Schmitt.

"Mondlandschaft" Finanzamt: Das Trümmerfeld rund um die Behörde bietet beste Trainingsbedingungen für die Suche nach Verschütteten. Foto: a. Woitschützke

Das Abbruchgelände der früheren Behörde erinnert derzeit an Szenerien, wie sie die Nachrichtensendungen aus Katastrophengebieten übertragen – ideale Trainingsbedingungen also für die Rettungshundestaffel von I.S.A.R. (International Search and Rescue Germany), die das Terrain auf Initiative und Einladung der Neusser Bauvereins jetzt für eine Übung nutzen konnte. "Nach solchen Gelegenheiten halten wir immer die Augen offen", sagt Pia Abels, stellvertretende Vorsitzende von I.S.A.R. In diesem Fall war der Bauverein durch einen Pressebericht auf die Arbeit der gemeinnützigen Hilfsorganisation aufmerksam geworden. Aber das Zeitfenster für den Einsatz war klein. "Bis Juli soll der Abriss abgeschlossen sein," berichtet Peter Krupinski vom Neusser Bauverein AG, der das Gebiet mit Wohnhäusern neu bebauen wird.

2004 Thailand, 2007 Peru, 2009 Indonesien, schließlich 2010 Haiti – wo auch immer Tsunamis oder Erdbeben eine Weltgegend heimsuchen, ist I.S.A.R. mit Rettungshundestaffeln vor Ort. Mehrfach im Einsatz dabei: die Neusser Heike und Stefan Spelter als Hundeführerin beziehungsweise Bergungskraft. Nach den verheerenden Erdbeben im Norden Pakistans 2005 etwa gelang es Stefan Spelter und seinen Kollegen, zwei kleine Kinder aus den Trümmern zu befreien. "Sobald nach einer Naturkatastrophe von der Regierung eines Landes ein internationales Hilfeersuchen ausgeht, erreicht uns diese Information beispielsweise über die UN", erklärt Pia Abels. Die Einsätze der internationalen Teams würden dann von der INSARAG koordiniert, einer UN-Unterorganisation. "Im Notfall sind wir in weniger als zehn Stunden einsatzbereit", versichert Hundeführerin Astrid Becker.

"Gerade bei Auslandseinsätzen ist eine gute Vorbereitung unbedingt erforderlich", bestätigt auch Karl-Heinz Jansen aus Neuss, Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW), dessen Hundestaffeln ebenfalls weltweit bei Katastrophen angefordert werden.

(NGZ)
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