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Rhein-Kreis Neuss: Öztürk: "Ich bin schockiert, bestürzt, empört"

Rhein-Kreis Neuss : Öztürk: "Ich bin schockiert, bestürzt, empört"

Unruhen in der Türkei: Gewerkschafter Nihat Öztürk organisiert Solidaritäts-Demo für Protestler.

Nihat Öztürk wird sich Ende der Woche Urlaub nehmen. Seine Arbeit als Geschäftsführer der IG Metall Düsseldorf-Neuss muss zurückstehen für ein Ziel, das ihn als Privatmensch bewegt: die Solidarität mit der Türkei. "Ich helfe dabei, eine Großkundgebung in Köln zu organisieren", erzählt der 58-Jährige, der auf Tausende Mitstreiter hofft, die sich wie er von Deutschland aus für die Zivilgesellschaft in der Türkei einsetzen.

Wenn Öztürk, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt, aber stets an der türkischen Staatsbürgerschaft festgehalten hat, über die Proteste in der Türkei und die Brutalität der Regierung spricht, sprudeln die Worte aus ihm heraus: "Ich bin schockiert, bestürzt, empört", sagt Öztürk, dessen Zorn sich vor allem gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan richtet, den er als Demagoge, Islamist und Fundamentalist kritisiert.

"Erdogan ist ein Autokrat", sagt Öztürk. Ständig spreche er von "seiner Polizei", "seinen Richtern", "seinen Bürgermeistern" — und das schon seit Jahren. Öztürk, der in Deutschland Soziologie studiert hat, beobachtet die Entwicklung der Türkei schon lange mit Sorge — der Gewerkschafter hatte sich eine ganz andere, nämlich säkulare Entwicklung seines Heimatlands gewünscht.

Dass nun konservativ-islamische Kräfte dominieren und massiv versuchen, die Gesellschaft zu kontrollieren — so ist öffentliches Küssen verboten worden, und selbst in Istanbul gibt es keine Straßencafés mehr — bewegt Öztürk. "Jedes Mal, wenn ich in der Türkei zu Besuch bin, ob als Dienstreise oder bei meinen Geschwistern in Antiochia, hat sich die Situation weiter verschlimmert", erzählt der 58-Jährige.

Daher sei der Auslöser der Proteste, das Bauprojekt im Gezi-Park, auch nur der Tropfen auf dem heißen Stein gewesen. "Die Unzufriedenheit gerade der jungen Menschen schwelt seit Jahren", berichtet Öztürk, der gut verstehen kann, warum auch viele Frauen auf die Straße gehen. "Ständig wird in der Türkei der Diskurs über die Ehrbarkeit der Frau geführt", sagt Öztürk. Die Debatten drehten sich etwa darum, wie viele Kinder eine "gute" türkische Frau zu bekommen habe oder dass der Kaiserschnitt abzulehnen sei.

"Das ist doch Wahnsinn", sagt Öztürk, der für ein respektvolles Miteinander und die Trennung von Religion und Staat plädiert. "Jeder soll sein Leben leben dürfen, als Gläubiger, Andersgläubiger oder Atheist", meint er. Demokratie funktioniere ohne Säkularität und Aufklärung nicht. "Das müssen die EU und Deutschland der Türkei klarmachen, sonst darf auch ein EU-Beitritt nicht sein", sagt Öztürk.

(NGZ/rl)