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Thomas Beckmann: "Obdachlose sind das zweite Ich"

Thomas Beckmann : "Obdachlose sind das zweite Ich"

Cellist Thomas Beckmann erzählte auf dem blauen NGZ-Sofa im Gespräch mit Redaktionsleiter Ludger Baten von seiner Arbeit – als Künstler und als Mensch, der anderen hilft.

Neuss Vor 20 Jahren hat der Düsseldorfer Musiker Thomas Beckmann den Verein "Gemeinsam gegen Kälte" gegründet. Seitdem gibt er Konzerte und unterstützt mit deren Einnahmen Einrichtungen für Obdachlose in vielen Städten der Bundesrepublik. Rund 1,5 Millionen Euro hat der Cellist auf diese Weise zusammengetragen; mehr als 300 Projekte in 100 Städten sind daraus entstanden.

Herr Beckmann, Ihr Lehrmeister am Cello, Pierre Fournier, hat Sie hochgelobt, von Ihnen gesagt, dass Sie dem Cello einen Weg in die Zukunft bahnen. Was geht in einem Künstler vor, wenn er so etwas von sich hört?

Beckmann Das ist natürlich sehr berührend und auch sehr stärkend. Ich bin ja ein Spätentwickler auf dem Cello gewesen. Eigentlich wollte ich Bierbrauer werden und Lebensmittelchemie studieren, aber als ich mich einschreiben wollte, war keiner da. Das Institut zog um, deswegen habe ich mich kurzerhand für Alt-Philologie und Philosophie eingeschrieben. Für die Aufnahmeprüfung als Cellist an der Hochschule war ich noch nicht gut genug, habe aber dann sehr viel geübt und es zwei Jahre später schließlich geschafft. Zu den Juroren für mein Examen später gehört übrigens Professor Johannes Goritzki, der in Neuss die Deutsche Kammerakademie gegründet hat. Zu Pierre Fournier nach Genf bin ich dann gegangen, weil er der größte Cellist ist. Durch seine Güte und Erfahrung, wie man sich auf die Bühne bewegt, habe ich es gewagt, Solist zu werden und noch mal sechs Jahre geübt.

Warum haben Sie sich für das Cello entschieden?

Beckmann Mein Vater kommt von einem westfälischen Bauernhof; meine Mutter kam aus einer musikliebenden Familie, spielte Klavier. Und so lernte jeder von uns – wir sind vier Jungs – ein Instrument. Bei einem Konzert im Schumannsaal ist mir das Cello aufgefallen: Es hatte ein großes Solo, und diese wunderbaren Kantilenen haben mich sehr stark berührt. Das wollte ich auch können. Und so habe ich mit elf Jahren das Cellospielen angefangen und auch unglaublich gerne dafür geübt.

Wie viel muss ein Künstler wie Sie noch üben?

Beckmann Früher habe ich auch mal 16 Stunden am Tag geübt; heute ist es fast wichtiger, das Konzert geistig zu durchdringen. Man sieht die Wege auf dem Cello wie in einem Film vor sich. Die wesentlich größere Arbeitsbelastung ist mittlerweile die Organisation für den Verein "Gemeinsam gegen Kälte".

Sie haben ein Konzert vor Papst Benedikt gegeben. Wie ist es dazu gekommen?

Beckmann In einem Konzert von mir im Regensburger Dom saß auch der Papst-Bruder Domkapellmeister Georg Ratzinger. Auf sein Lob habe ich einfach gefragt: Darf ich auch mal vor Ihrem lieben Bruder, unserem Heiligen Vater, spielen? Über ihn und die Haushälterin des Papstes wurde dieser Wunsch in Gang gehalten, und so kam es dann nach zwei Jahren zu dem Konzert in der Sommerresidenz des Papstes in Castelgandolfo. Das öffnet uns jetzt auch die Tore der anderen Kathedralen in dieser Welt. Und persönlich zehrt man ein Leben lang von so einem Konzert.

Schon vor 20 Jahren haben Sie sich für Obdachlose engagiert, den Verein "Gemeinsam gegen Kälte" gegründet. Wie ist es dazu gekommen?

Beckmann Schon als Abiturient habe ich mir beim Anblick der Bettler Gedanken gemacht, wie das wäre, wenn ich dort säße und Cello spielen würde. Und als meine Frau und ich studierten, lernten wir andere Obdachlose kennen und haben sie bei uns schlafen lassen. Als dann in der Altstadt zwei Frauen erfroren sind, obwohl doch so viel sehen konnten, dass sie dalagen, war das die Initialzündung, die Aktion ins Leben zu rufen.

Warum schauen die Menschen lieber weg als zu helfen?

Beckmann Natürlich sind die Obdachlosen nicht lauter liebe Leute. Aber mit der Zeit ist mir klargeworden. Dass der Umgang mit Menschen, von denen man keinen Dank zu erwarten hat, das feinste Barometer für den sittlichen Zustand einer Gesellschaft ist. Vielleicht schauen die meisten lieber weg, weil man in diesen Obdachlosen sein zweites Ich sieht. Wie es wäre, wenn das eigene Leben anders verliefe.

HELGA BITTNER ZEICHNETE DAS GESPRÄCH AUF.

(NGZ)