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Neuss: Obdachlos in Neuss

Neuss : Obdachlos in Neuss

Sie haben oft einen langen sozialen Abstieg hinter sich und mehr als ein Problem. Das macht es für Nichtsesshafte schwer, wieder Fuß zu fassen. Doch sie können auf ein Netzwerk der Hilfe setzen – wenn sie Hilfe annehmen wollen. Einblick in ein Milieu, das Anteilnahme wie Außenseiter kennt, und in dem 2011 schon zwei Menschen zu Tode kamen.

Sie haben oft einen langen sozialen Abstieg hinter sich und mehr als ein Problem. Das macht es für Nichtsesshafte schwer, wieder Fuß zu fassen. Doch sie können auf ein Netzwerk der Hilfe setzen — wenn sie Hilfe annehmen wollen. Einblick in ein Milieu, das Anteilnahme wie Außenseiter kennt, und in dem 2011 schon zwei Menschen zu Tode kamen.

Morgens um 7.30 Uhr ist Kehraus am Derendorfweg. Wenn sich dann hinter Jürgen St. die Tür der städtischen Notschlafstelle "Hin- und Herberge" schließt, liegt ein unendlich langer Tag vor ihm. Ein Tag, der nichts von ihm erwartet, ihm wenig bietet, ein Tag, den er irgendwie klein kriegen muss — und der ihn trotzdem schlaucht. Denn weil Jürgen St. kein Geld und keine Heimat hat, muss er "immer in Bewegung sein".

Jürgen St. ist kein Einzelfall. Im Land, so berichtete jetzt Sozialminister Guntram Schneider bei einer Tagung zur Wohnungslosigkeit in Bonn, haben 12 000 Menschen keine Wohnung. "Diese Menschen sind die Schwächsten unter uns — sie sind oft krank, vereinsamt und diskriminiert", sagte der Minister, der Ziele und Neuerungen des Landesaktionsprogrammes "Obdachlosigkeit vermeiden" vorstellte. Ein Programm, das die präventive Arbeit stärkt. Denn wer einmal "draußen" ist, hat einen langen sozialen Abstieg hinter sich und meist nicht nur ein Problem, sondern mehrere: Arbeitslosigkeit, Schulden, psychische Erkrankungen, Sucht. Wieder Fuß zu fassen, wird unter diesen Bedingungen sehr schwer.

Das Happy Ende vor Augen

Jürgen St. hat dieses Ziel. Seit sieben Wochen ist er wieder in Neuss. 30 Jahre hat er in der Stadt gelebt, in die er als Obdachloser zurückkehrte. Er habe seinen Sohn, obdachlos wie er, aus dem Drogenmilieu holen müssen und dafür eine Existenz in Niedersachsen aufgegeben und inzwischen sämtliche Ersparnisse aufgezehrt. Das ist seine Geschichte, die ein Happy End haben soll. "Jetzt habe ich ein Zimmer in Aussicht," sagt er.

Werner Hein kennt solche Geschichten. Nicht jede glaubt er, aber in jeder, so weiß der Leiter der Kontakt- und Beratungsstelle "Café Ausblick", steckt ein Kern Wahrheit. Und in 25 Jahren bei der Caritas hat Hein gelernt: "Wohnungslosigkeit als Lebensphilosophie — das ist die Ausnahme." Und hört er mal den Satz, jemand sei gerne gänzlich ungebunden, dann weiß er: "Da steckt meist der Frust nach mehreren Absagen dahinter."

Das Café Ausblick gehört wie die Notschlafstelle zu den niederschwelligsten Angeboten für Obdachlose. Ein Treff, wo nichts vorausgesetzt wird, wo man einfach hinkommen kann. Etwa 50 Nichtsesshafte nutzen diese Anlaufstelle Tag für Tag. Sie ist bekannt und wird mit einem Vertrauensvorschuss bedacht. Kommt jemand als Obdachloser neu nach Neuss, schicken ihn andere aus der Szene zum Cafè Ausblick an die Breite Straße. "Da wird dir geholfen." Auch Jürgen St. ist oft Gast dort: "Eine gute Einrichtung." Auszusetzen hat er an dem Treff eigentlich nur, dass das Haus um 14 Uhr schließt. Denn, wohin dann? Schließlich nimmt die Notschlafstelle die Männer erst ab 20 Uhr wieder auf.

Warmes Essen gibt es vielerorts

Wer obdachlos in Neuss ist, lernt bestimmte Adressen schnell schätzen. Das Sebastianuskloster oder das Pfarrbüro St. Quirin gehören dazu. Dort wird denen, die anklopfen, zu bestimmten Zeiten 50 Cent zugesteckt. Genauso die Suppenküche der Alexianerbrüder oder das Altenheim in Grimlinghausen, wo kostenlos ein warmes Essen zu bekommen ist. Aber da überall kann man nicht Stunden bleiben. So rückt die Stadtbücherei in den Blick einiger "Tippelbrüder". Warm, trocken und kostenlos ist der Aufenthalt dort. Montags aber ist sie zu. "Ein schlechter Tag für die Jungs", sagt Jürgen St.. Beliebt bei schönem Wetter ist das Rheinvorland, inzwischen aber auch das Grundstück hinter dem Quirinus-Pastorat. Da ist man in der Stadt und doch etwas abseits. Der Bahnhof wiederum zieht Nichtsesshafte wie Jürgen St. nicht so an. Einmal, weil die Bundespolizei da oft kontrolliert, zum anderen, weil im Bahnhofsumfeld eher die Junkies sind, die Drogenabhängigen.

So kapseln sich die Obdachlosen auch untereinander ab. Alkoholkranke, Drogenabhängige — jede Gruppe hat ihre eigenen Treffpunkte. Freundschaften verbindet die Männer nie. "Es gibt immer zwei oder drei, die sich zu temporären Gruppen zusammenschließen", hat Hein beobachtet, aber das seien eher Schicksalsgemeinschaften. Im Kern sind Nichtsesshafte meist Einzelgänger. So heterogen das Milieu auch ist — es gibt so etwas wie ein Gruppenleben. Das kennt Anteilnahme ebenso wie Außenseiter. Als Anfang August David H. auf dem Weg zu seinem Schlafplatz hinter den Gebäuden der ehemaligen Neusser Lagerhaus-Gesellschaft abstürzte und im Hafenbecken I ertrank, war die Betroffenheit schon groß. Aber, es war ein Unfall.

Der Mord schockierte

Für größere Unruhe dagegen sorgte Ende März der Mord an dem nichtsesshaften Duy-Doan P., einem Außenseiter in der Szene, der von zwei anderen Obdachlosen in der Nähe der Notschlafstelle auf dem TÜV-Gelände beraubt und erschlagen worden war. Die Anklage gegen die Tatverdächtigen — 18 und 37 Jahre alt — ist zugestellt, erklärt Staatsanwalt Christoph Kumpa, der Termin für die Hauptverhandlung vor dem Jugendgericht noch nicht festgesetzt. Kumpa vermutet, dass von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen werden muss. Beim Älteren durch Alkohol ausgelöst, beim Jüngeren hingegen "ist von einer Persönlichkeitsstörung auszugehen".

In der Folge dieser Tat gab es eine politische Debatte, ob die Verhältnisse in der "Hin- und Herberge" geändert werden müssten — und viele Mitglieder des Sozialausschusses kamen zum ersten Mal in das Haus am Derendorfweg. Hein aber ist überzeugt: "Das Problem war, dass der Ermordete immer damit prahlte, dass er Geld hat." Vertrauen untereinander gebe es zwar durchaus, doch das findet seine Grenze da, wo eine Sucht zu befriedigen ist. Dann wird gestohlen — und in diesem Fall auch gemordet. "Die Lunte liegt immer", sagt Jürgen St. "Und da genügt manchmal ein Fünkchen."

Mancher Obdachlose meidet die Notschlafstelle. Für Jürgen St. sind das "die Härtefälle". So wie Manfred, der 30 Jahre auf der Straße lebte und jetzt ins "Alexius" gebracht wurde. "Der kriegt in Räumen Platzangst." Oder wie Bobby, der unter einer Rheinbrücke kampierte, bevor er jetzt in die Wohnungsgemeinschaft Sankt Bernhard der Zisterziensermönche im Kloster Langwaden Aufnahme fand. Obdachlose wie diese suchen und finden Schlupfwinkel, über die man auch mit den Kumpels nicht gerne spricht. Für Werner Hein bleiben sie damit außerhalb des Hilfesystems, das so an seine Grenzen stößt. "Man kann jemandem die Hilfe nicht aufzwingen. Das muss man aushalten."

(NGZ)