Norbert Humnmelt und sein "Atlas der Erinnerung"

In Neuss geboren : Lyriker Norbert Hummelt erzählt vom Unterwegssein

Der in Neuss geborene Lyriker Norbert Hummelt hat in einem Buch seine Erinnerungen an Reisen und Ausflüge zusammengefasst.

Die „Stammgegend“ des kleinen Norbert kannte nur zwei Himmelsrichtungen: Westen und Süden. Denn im Osten bildete der Rhein eine natürliche Grenze, der Norden war nicht von Interesse. Aber im Süden kam das Gespann aus Sohn und Vater bis Knechtsteden (allerdings selten weiter), im Westen schaffte es die Tour bis Liedberg. Aber auch Schloss Dyck, das Nikolauskloster, die Dörfer Speck, Gohr und Anstel, der Bahndamm in Helpenstein – all diese Orte gehören in den „Atlas der Erinnerung“, den der Lyriker Norbert Hummelt jüngst veröffentlicht hat.

Norbert Hummelt lebt heute in Berlin. Foto: Nadja Küchenmeister

Dass das auf 163 Seiten mit wunderschönen Prosastücken gefüllte Buch immer noch auf der SWR-Bestenliste steht, erfüllt den in Berlin lebenden und in Neuss geborenen Lyriker durchaus mit ein bisschen Stolz: „Das kam unverhofft und freut mich sehr“, sagt er, „ich hoffe natürlich auch, dass es dem Buch hilft, Leser zu finden.“

Verdient hat es das allemal. Denn Hummelts Prosa ist bildreich, voller Abwechselung und in einer klaren Sprache geschrieben. „Halt in meiner Weise als Lyriker, Prosatexte zu schreiben“, sagt er und meint damit auch die Herangehensweise. Denn so wie seine Gedichte aus einer Bewegung im Sinn des Wortes entstehen, ist es ihm auch mit den Texten für den „Atlas“ gegangen. „Ohne Gehen kommt bei mir buchstäblich nichts in Gang“, sagt der 1962 geborene Lyriker, „denn Gehen ist eine Grundbedingung meines Schreibens.“

Und so besteht der „Atlas“ vor allem aus Texten vom Unterwegssein. Hummelts Ausflüge als Kind mit dem Vater rund um Neuss haben wohl das Fundament dafür gelegt, dass schon das Kind alles genau beobachtete, die Gegend um sich herum förmlich aufsog. Norbert Hummelt wusste schon früh, dass er schreiben wollte. Ob und was der Vater von den Ambitionen seines Sprösslings hielt, bleibt ungewiss. Der Vater, ein Angestellter einer Wohnungsgenossenschaft, der sich gerne mit Büchern umgab, starb, als der Sohn 16 Jahre alt war. „Immer noch ist da ein ganz großer weißer Fleck in meinem Leben“, sagt Hummelt, heute selbst Vater einer 14-jährigen Tochter, nachdenklich, „und das Schreiben ist sicherlich eine Form, mit der ich ihm begegnen kann.“ So ist auch seine Erinnerung heute eine andere, der Vater mehr und mehr eine „literarische Figur“ geworden, dem er andererseits auch wieder nähergekommen sei, meint er.

Gleichwohl steht die Erkundung der „Stammgegend“, wie die Hummelts ihre Ausfluggebiet nannten, am Anfang, leitet weiter zu den Reisen, mehr noch zu den Beobachtungen, die Hummelt, der heute als einer der renommiertesten deutschsprachigen Lyriker gilt, gemacht hat. Mal sind es Reisen beruflicher Natur, mal ist er privat unterwegs, immer aber entstehen daraus Texte, die den Leser Glauben machen, neben dem  Autor  zu gehen, mit seinen Augen zu sehen.

Viele Texte seien als Zeitungsartikel entstanden, sagt er. Wurden in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht, grundsätzlich von Hummelt nach seinem Gusto geschrieben. „Doch es gab schon lange den Wunsch, diese Texte mal in einem Buch zusammenzufassen.“ Genauer: „zu komponieren“, denn für Hummelt war es wichtig, auch diese Arbeit „so zu arrangieren, wie ich meine Gedichte schreibe“,

Das Verblüffende ist vor allem: Er schreibt tatsächlich aus seinen Erinnerungen heraus, braucht keine Fotos, macht sich nur selten Notizen. Als pure Wahrnehmung der Gegenwart“ sieht er seine Erinnerungen, deren Titel nicht immer verraten, welche Reise gerade dahinter steckt: „Da kommen die Wolken her“ führt nach Schlesien, „Wir lassen niemals vom Entdecken“ nach England, „Ein deutscher Märchenwald“ in die Schorfheide und weiter nördlich von Berlin. Und jedes Mal stellt sich nach dem Lesen das Gefühl ein: passt irgendwie.

„Ich vertraue darauf, dass der erste Satz, der erste Vers, die Dinge ins Rollen bringt“, sagt Hummelt und ergänzt: „Ich weiß aber nie, wo ich lande.“ Dass so mancher Text entstand, weil er sich in den Spuren eines verstorbenen Schriftstellers bewegte, passt auch dann, wenn er zugibt, dafür durchaus recherchiert zu haben. Das verschafft ihm ein Wissen, das bleibt: „Jedes Mal, wenn ich mit dem Rad in Prenzlauer Berg an einem bestimmten Haus vorbeifahre, denke ich: Da hat Stefan George mal gelebt, aber keiner weiß das.“

Es ist diese „Bewegung im Kopf“, die Hummelt treibt. Und die auch dann entstehen kann, wenn er nur aus dem Fenster seines im vierten Stock eines Berliner Hauses liegenden Arbeitszimmers schaut: „Es ist ein Blick auf zwei große Bäume!“ Ein Rest von Naturraum mitten in der Stadt.